Filme Q-T


Qi Gong 启功 "The Calligraphy Master", China 2015. Von Ding Yinnan 丁荫楠 und Ding Zhen丁震, mit Ma Enran 马恩然, Wang Fuli 王馥荔, Kong Xiangyu 孔祥玉. 89 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

启功爱少年时代接受祖父的艺术熏陶,励志成为一个画家,成年后拜书画大师溥心畬 为师潜心学习,加入中华书画学研究会。二十多岁,便被辅仁大学校长陈垣提携,介 绍进入辅仁中学教国文,却因为学历不够被张院长开除。在启功走投无路之际。陈垣 校长伸出援手,破格让他到辅仁大学当助教,启功终以教育作为其终身奋斗的事业。
文革期间,红卫兵青年刘雨辰酷爱书法,然而在那个疯狂的年代,无法直接向启功讨 教,唯有偷偷撕下启功写的大字报,暗地描摹启功的字学习书法。后来,刘雨辰鼓足 勇气来到启功家讨教,两人成了忘年交。
改革开放,启功成了有名的书法大师,求字的人络绎不绝,他笔耕不辍,继续为社会 大众服务,并将自己书画作品举行义卖,将所得的资金,成立了励耘奖学金,继续恩 泽下一代的年轻人
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Dieses "Bio-Pic" gehört im Grunde zu einem eigenen Genre – will sagen, "seriöse" Filme außerhalb der Historien- und Kungfu-Blockbuster. Exemplarisch entspricht er den neuen Leitlinien von Chinas Staatsführung: außen expandieren, innen stabilisieren, Kultur restaurieren. Zu letzterem gehört die staatliche Förderung der TCM ebenso wie die Rückbesinnung auf den Konfuzianismus. Auch die alten  Kulturtechniken Kalligraphie und traditionelle Tuschemalerei gehören dazu – hier dargestellt am Leben des berühmten Kalligraphen Qi Gong (1912-2005).
Die Kernhandlung beginnt mit Beginn der Kulturrevolution. Qi Gong, der als Lehrer arbeitet, wird kritisiert und bedroht, aber nicht misshandelt: ein Schüler, der als Anführer von Roten Garden in sein Haus eindringt und sein Bücherregal versiegelt, ist in Wahrheit ein heimlicher Bewunderer. Rückblicke zeigen die Entwicklung des Qi Gong: wie aus einem begabten fleißigen Schüler, der jahrelang die alten Meister studiert und kopiert, schließlich selber ein Meister wird.
Doch auch in der Republikzeit wird sein Talent nicht wirklich gewürdigt. Die Kulturrevolution, so die Kernaussage des Films, war ein Episode, die der alten Kultur nicht nachhaltig schaden konnte; erst im neuen China findet diese Kultur (wie das Beispiel des Qi Gong zeigt) endlich die verdiente Anerkennung. Die zeigt sich allerdings auch darin, dass auf den Straßen überall Fälschungen seiner Werke verkauft werden. Doch das nimmt der Meister mehr geschmeichelt als verärgert hin.

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Qi Yue Yu An Sheng 七月与安生 ("Soul Mate"), China 2016. Von Derek Tsang 曾国祥, mit Zhou Dongyu 周冬雨, Sandra Ma 马思纯, Toby Lee 李程彬. 109 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

七月(马思纯 饰)和安生(周冬雨 饰)的第一次相识在十三岁,她们一个是特立独行飞扬跋扈的“野孩子”,一个是单 纯温婉循规蹈矩的“乖乖女”,从那一年开始,七月和安生几乎形影不离,她是她的 光,她是她的影子,直到某一天,一位名为苏家明(李程彬 饰)的少年出现在了七月的身边,七月恋爱了。
  安生决定前往北京讨生活,临别之前,七月意外的发现苏家明贴身带着的玉佩, 竟然出现在了安生的衣领里。安生走了,七月和苏家明的恋情持续着,他们考入了同 一所大学,约定一毕业就结婚。可是,事情并没有像七月所想象的那样发展,而她和 苏家明之间的关系,亦因为安生的归来而产生了新的变数
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Wenn ich chinesische Filme sehe, in denen Freundschaft beschrieben wird, frage ich mich oft: Ist das eine wahre Geschichte, oder nur ein Wunschbild? Schon seltsam: Ich selber kenne kaum Chines/inn/en, die in ihrer Jugend wirklich einen engen oder gar intimen Freund bzw. Freundin gehabt hätten. Auch bei älteren Chinesen habe ich gelernt, die wirklich besonderen nicht an ihrem Geld oder ihrer Ausbildung zu erkennen, sondern an ihrer Fähigkeit zur Freundschaft.
Dies nun ist ein Film über eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die zu jungen Frauen heranwachsen. In der Mittelschule lernen sich Ansheng und Qiyue kennen, beide 13 Jahre alt. Qiyue ("Juli") wächst in einem behüteten Elternhaus auf, während Ansheng sich oft selber überlassen ist. Qiyue ist konventionell, Ansheng rebellisch, das bestimmt ihre gegenseitigen Rollen. Für einige Jahre sind sie unzertrennlich. Sie sehen ihre Brüste wachsen,  baden zusammen, verbringen gelegentlich die Nächte gemeinsam. In einem westlichen Film würde das zu einer lesbischen oder zumindest bisexuellen Beziehung führen, hier aber nicht.
Beide verlieben sich nacheinander in den freundlichen, gutaussehenden Su Jiaming, zuerst (ohne dass die Freundin es weiß) Ansheng, danach Qiyue. Es kommt zur Entfremdung ... zur Versöhnung ... wieder zur Trennung. Am Ende taucht ein Kind auf, dessen Vater Jiaming ist - aber wer ist die Mutter? Es folgt die Enthüllung, wie es wirklich war ... aber war es wirklich so?
Denn das Ganze wird verdoppelt dadurch, dass eine der beiden ein Buch schreibt, dessen Titel auch der des Films ist ... ein Buch, in dem die beiden auf einmal ihr Rollen tauschen ... aber ob die Geschichte im Buch und die im Leben übereinstimmen, ist ungewiss. So bleibt es eine berührende, einfühlsame Geschichte über Freundschaft und Leben zweier Frauen - egal ob es wirklich so war oder nur ein Wunschbild.

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QIAN XUE SEN  钱学森 ("Dr. Qian Xuesen")
Biographischer Spielfilm von Zhang Jianya, China 2011. Mit Chen Kun und Zhang Yuqi. 122 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Nach den Demütigungen durch 150 Jahre ausländischer Invasionen ist China heute dabei, sich erneut als asiatische Hegemonialmacht zu etablieren. Um das zu erreichen, musste China den Vorsprung des Westens bei der Waffentechnik einholen, insbesondere im Blick auf Kernwaffen und weittragende Raketen. Dafür leistete Qian Xuesen, der Vater des chinesischen Raumfahrt- und Raketenprogramms, einen entscheidenden Beitrag.
Sein Lebenslauf ist exemplarisch. 1911 geboren, studierte er in den USA. Bald wurde er Forschungsprofessor am Caltech (Califoria Institute of Technology). Als Direktor von dessen Jet Propulsion Center war er führend an der Entwicklung des amerikanischen Raketenbaus beteiligt. Er gehörte auch dem US-Team an, das nach 1945 die deutschen Raketenbauer um Wernher von Braun befragte und die wichtigsten in die USA holte. Doch 1950, im Zuge der Linkenhatz von Senator McCarthy, wurde er verdächtigt, für die neugegründete VR China zu spionieren. Er wurde freigesprochen und sollte zuerst ausgewiesen werden. Doch angesichts seiner überragenden Kenntnisse stellte man ihn für fünf Jahre unter Hausarrest. Dann erst durfte er im Austausch gegen 11 Korea-Kriegsgefangene nach China ausreisen, wo er von Zhou Enlai und Mao Zedong empfangen und zum Leiter des neu aufzubauenden Raketenprogramms ernannt wurde.
Zwar folgt der Film dem Muster ähnlicher Heldengeschichten und stellt seinen Helden übermäßig idealisiert dar. Doch zeigt er sehr plastisch die Zeit in den USA, eingeschlossen die Probleme führender Politiker und Militärs. Das Aufbauprogramm in China (de facto ein gigantisches Projekt mit Zehntausenden, wenn nicht Hunderttausenden von Mitarbeitern) ist stark vereinfacht und übermäßig auf Qian Xuesen fixiert. Die politischen Katastrophen dieser Zeit, vom Großen Sprung nach vorn über Kulturrevolution bis zu den Tiananmen-Ereignissen, klammert der Film aus. Auch die Vernachlässigung von Frau und Kindern des Helden wird nur angedeutet. Doch zeigt der Film deutlich die Basis dessen, was China heute zu einer führenden Wirtschafts- und Militärmacht hat werden lassen.

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Qiang Zhi Yan  墙之魇 ("The Wall"), Drama von Lin Zhiru 林志儒, Taiwan 2008. Mit You Anshun 游安顺, Huang Caiyi 黄采仪, Yinshan Zhengyan 荫山征彦. 108 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

林志儒这部《墙之魇》因而成为一个崭新的尝试,企图测度台湾神圣历史事件之中可能暗潮汹涌的情欲政治,同 时反过来以禁忌的身体欲望质疑了政治上的崇高精神,尝试为观众打开一个新视野、为电影 创作者提供一个新方向。本期台湾制造单元,就为读者介绍这部即将上映的新片《墙之魇》,希望能够引发讨论甚至争议,或者能为国片开启一扇新门
Taiwan in den 50er-Jahren: Hinter einer Wand mit zugestellter Tür versteckt ein junges Paar einen Lehrer, der wegen seiner politischen Einstellung von den Schergen der Guomindang-Regierung gesucht wird – also die Situation im Anschluss an den "228-Vorfall".

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QIAO ZHE YI JIAZI 瞧这一家子 ("What a Familiy!")
Komödie von Wang Haowei, China 1979. Mit Chen Qiang, Zhang Jinling, Liu Yiaoqing, Wang Yongheng. 92 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 9 Jahre

Anders als in der Frühzeit des chinesischen Kinos war nach 1949 die Komödie in Chinas Filmindustrie ein Stiefkind. Worüber hätte man sich lustig machen können? Über das Kaiserreich? Über die Republikzeit? Lieber nicht, denn wer da etwas lustig fand, war schnell verdächtig. Und dieser Zustand wurde nicht besser, sondern schlimmer. So war denn vermutlich "San Mao Xue Sheng Yi 三毛学生意 / Three Hair Learns Business" aus dem Jahr 1958 für mehr als zwei Jahrzehnte der letzte Film, den man als "Komödie" bezeichnen konnte. Erst 1979 fand die ruhmreiche Geschichte chinesischer Filmkomödien mit "What a Family" eine Fortsetzung. Entsprechend war das Aufatmen des Publikums. Endlich wieder lachen! Endlich wieder einmal ein Film, in dem es nicht zum tausendsten Mal um revolutionäre Helden und konterrevolutionäre Schurken ging!
Allerdings ist die Gesellschaft, die in diesem Film gezeigt wird, von der Gegenwart kaum weniger entfernt ist als von der Republikzeit. Die Arbeitseinheit war 1979 immer noch wie eine zweite Familie, die sich mit größter Selbstverständlichkeit auch ums Privatleben ihrer Angehörigen kümmerte (und die z.B. auch zustimmen musste, wenn jemand heiraten wollte). So gehen denn auch in diesem Film Arbeits- und Privatbeziehungen nahtlos ineinander über. Da ist der strenge Werkstattleiter Hu, der gewohnt ist, seine Werkstatt wie ein Patriarch zu führen. Seine Tochter Jiayin arbeitet unter ihm, ebenso der Techniker Yu Lin, in den Jiayin verliebt ist. Yu Lin und einige jünger Arbeiter wollen den Maschinenpark der Firma modernisieren, aber Leiter Hu verbietet ihre Experimente, weil er Störungen der Produktion befürchtet. Am Schluss setzen sich die Neuerer natürlich durch, und auch einer Heirat von Yu Lin und Jiayin steht dann nichts mehr im Weg. Also alles in allem eine kreuzbrave, durch und durch staatstragende Story. Dass in dieser Fabrik (wenn sie denn halbwegs realistisch wäre) wie in allen Fabriken des Landes in diesen Jahren zahlreiche Techniker, Ingenieure und Intellektuelle aus Arbeitslagern und Strafkolonien hätten zurückkehren müssen, findet hier natürlich mit keinem Wort, keiner Szene Erwähnung.

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QIN TONG  琴童  ("Child Violinist")
Von Fan Lai, China 1980. Mit Xiang Mei, Wu Cihua, Ding Yi. 86 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 9 Jahre

Obwohl hier ein Kind im Mittelpunkt steht (nämlich der hochtalentierte Jingjing), ist dies kein Kinderfilm, sondern wie andere Filme dieser Zeit auch eine Art Abrechnung mit der Kulturrevolution. Diese hatte neben allen anderen traditionellen Kulturformen auch die Beschäftigung mit der internationalen klassischen Musik zum Erliegen gebracht. Nun, nach dem Ende der Kulturrevolution, eröffnen die ehedem renommierten Musikschulen wieder ihre Tore, und auch hier finden strenge Aufnahmeprüfungen statt. Die Mutter des kleinen Jingjing, der von seinem Vater die Violine spielen und lieben gelernt hat, will ihr Kind an einem Konservatorium anmelden. Dessen Leiter ist im Prinzip einverstanden, doch ein bornierter Funktionär stellt sich auf den Standpunkt, die Bewerbung sei einen Tag zu spät eingetroffen. Nach und nach enthüllt sich, was dahintersteckt, bis am Ende der Junge doch noch aufgenommen wird. Aber der Film zeigt sehr realistisch, was für Tricks und persönliche Abrechnungen unter dem Mantel politischer Korrektheit damals stattfanden (und vermutlich auch heute noch immer wieder stattfinden).

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QING CHENG 倾城 ("Fallen City")
Von Huang Hong, China 2011. 90 min, mit Huang Jue, Ruby Lin, Ding Yongdai. Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Das Jahr 2008, in einer imaginären Kleinstadt im Südwesten Chinas. Ein Mann mit Sonnenbrille und tiefgezogenem Mützenschirm (Liu Chuan, gespielt von Huang Jue) sucht ein kleines Hotel. Gleichzeitig spaziert der allseits beliebte Polizist Wang durch die Hauptstraße der Stadt. Doch er plaudert nicht nur mit den Leuten, sondern erinnert sie auch an die Suche nach einem flüchtigen Verbrecher, der vor Jahren eine Bank ausraubte und entkam. Natürlich ist der Fremde dieser Mann. Wang erkennt ihn, verfolgt ihn, kann ihn fassen - doch genau in diesem Moment erschüttert das große Erdbeben von 2008 die Stadt. Der Fremde kann sich befreien und dem ohnmächtigen Polizisten die Uniform ausziehen. Im Chaos der zerstörten Stadt sucht er nach seiner Exfrau und seiner kleinen Tochter. Da man ihn für einen Polizisten hält, muss er sich an tollkühnen Rettungsaktionen beteiligen, während der echte Polizist ihn erbarmungslos verfolgt ... mit im Spiel ist eine fotografierende Psychologiestudentin, die sich in den ehemaligen Bankräuber verliebt. - Spannender Action- und Beziehungsfilm inmitten einer zerstörten Stadt, getragen von zwei feindlichen Protagonisten, die sich als Menschen zunehmend schätzen lernen.

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Qing Chun 青春 ("Youth")
Patriotisches Drama von Xie Jin 谢晋, China 1977. Mit Joan Chen 陈冲, Yu Ping 俞平, Wang Xiyan 王熙岩. 104 min, Chinesisch mit  CHINESISCHEN UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Mit diesem Film wurde die 16-jährige Joan Chen in China bekannt. Er ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, schon wegen Regisseur Xie Jin – ohne Frage eines der größten Chamäleons und Stehauf-Männchen in Chinas Filmgeschichte. 1957 hatte er mit Woman Basketball Player No. 5 (女篮五号) sowie 1965 mit Two Stage Sisters (舞台姐妹) zwei der wenigen Filme dieser Zeit geschaffen, die aus der Phalanx plumper Propaganda ausscherten. Dafür landete er zu Beginn der Kulturrevolution in einem Straflager – aus dem man ihn herausholte, um ihn die Modellopern der Jiang Qing verfilmen zu lassen. Und bevor er später Werke wie Hibiscus Town (芙蓉镇, 1986) schuf, kam 1977 dieser Film in die Kinos. Der aber spiegelt immer noch zu hundert Prozent den Geist der Kulturrevolution.
Im Mittelpunkt steht die 16-jährige Yamei (Joan Chen), die als Bauernkind im Alter von 3 Jahren ertaubte und seitdem taubstumm ist. Dennoch reist sie 1966 mit anderen Jugendlichen nach Peking, um dort dem Großen Vorsitzenden Mao zu huldigen (vgl. auf Youtube: HIER). Eine dieser Massenparaden der Roten Garden auf dem Tiananmen-Platz (deren Fanatismus auf fatale Weise an Hitlers "Rede an die Hitlerjugend" im September 1935 erinnert; vgl. auf Youtube: HIER) – ist in Ausschnitten in den Film integriert und lässt einen schaudern.
Und neben der großen Lüge, die der sogenannten "Kulturrevolution" zugrunde lag, gibt es hier noch eine weitere der vielen kleinen Lügenmärchen, die ebenfalls diese Zeit prägten – dass nämlich Taubstummheit mit Akupunktur geheilt werden kann. Genau das macht eine engagierte Ärztin mit der jungen Yamei, die zum Dank dafür PLA-Soldatin werden will, was ihr, wenn auch mit einigen Problemen, tatsächlich gelingt. – Der Film hat leider keine englischen, jedoch sehr große chinesische Untertitel, was ihn für Zuschauer mit Chinesisch-Grundkenntnissen gut geeignet macht.

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QING CHUN PAI 青春派("Young Style")
Von Liu Jie, China 2013. 86 min, mit Dong Jijian, Qin Hailu, An Jing, Qie Lutong. Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Im Englischen ("Young Style") ein nichtssagender Titel, aber dennoch ein interessanter Film. Der 16-jährige Juran hat in Peking gerade die höhere Mittelschule abgeschlossen. Seit drei Jahren liebt er heimlich die Mitschülerin Huang Jinjin, und bei der Abschlussfeier fasst er sich ein Herz: Er fragt sie öffentlich, ob sie seine Freundin sein will. Beeindruckt von seinem Mut, stimmt sie zu. Hand in Hand gehen die beiden nach Hause – bis sie auf Jurans Mutter treffen. Gegen deren unerbittlichen Zorn kommt auch Juran nicht an, und so zerbricht die junge Liebe schon am ersten Tag.
Um auf die Uni zu gehen, kommt es in China bekanntlich nicht auf die Schulprüfung an, sondern auf die Gaokao (高考), die landesweite Hochschuleingangsprüfung. Juran, bis dahin ein exzellenter Schüler, ist am Tag der Prüfung völlig durcheinander. Als einziger seiner Klasse fällt er durch, während Huang Jinjin es an die renommierte Fudan-Universität in Shanghai schafft. Der Mutter gelingt es mit viel Mühe, Juran das letzte Schuljahr an seiner alten Schule wiederholen zu lassen. Doch was in Deutschland zu einer Story nach Art der "Feuerzangenbowle" führen könnte, ist für Juran anfangs eine Qual und ein Spießrutenlaufen, zumal ihm Huang Jinjin nicht aus dem Kopf geht. Nach und nach findet er sich mit der Situation ab, findet neue Freunde, nähert sich am Ende sogar der Mutter an, die für den Sohn ihre Ehe opfert. Eine besondere Rolle spielt dabei die Lehrerin Mrs. Sa (gespielt von Qin Hailu), die wegen ihrer Strenge erst allseits gehasst wird, jedoch am Ende, als die Schüler sie besser verstehen, auch geliebt.
Also ein sehr chinesischer Film: Eine dominante Mutter, der die akademische Ausbildung ihres Sohnes mehr bedeutet als alles andere, dazu ein Schulsystem mit unerbittlichem Druck, und dazwischen die heranwachsenden Schüler, in denen Gefühle, erste Liebe und eine erwachende Sexualität ihren Weg suchen.

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QING CHUN ZUO ZHENG 青春作证 ("Song of Youth")
Von Xu Geng, VR China 1993. 94 min, mit Li Yapeng, Yu Meng, Guan Tong. Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 9 Jahre

Der junge Ding Kai ist wegen seiner Gehbehinderung nicht zur Uni zugelassen. Jetzt lebt er mit seiner Großmutter in einem alten Haus in Beijing, züchtet Tauben und verliert sich in Tagträumen. Eines Tages findet er ein weggeworfenes Foto und eine Tonkassette. Auf dieser ist eine Frau zu hören, die offenbar Selbstmordpläne hat. Ding Kai will sie retten und sucht nach ihr - bis sich am Ende herausstellt, dass die Stimme auf der Kassette von einem Fernsehfilm stammte.
Xu Geng, von dem wir vor einiger "Jing Cha You Yue" und "Cao Fang Zi" sahen, zeichnet hier wie auch in den anderen Filmen das Leben der kleinen Leute. Das Ganze (was Xu Geng 1993 natürlich nicht wusste) in einem Beijing am Ende einer Zeitepoche: die letzten Jahre einer Zeit, als es in China kaum private Autos und weder Handys noch Internet gab.

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Qing Jian  情剑 ("The Spirit of the Swords")
Schwertkampf-Movie von Chen Yongge, China 2015. Mit Nicholas Tse, Gillian Chung, Qiao Zhenyu. 96 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Auf die Frage "Warum schreibst du" antwortete Bertolt Brecht einmal: "Weil ich es kann". Dieselbe Antwort würden auch die Helden in diesem und anderen Martial-Arts-Filmen geben: Sie haben gelernt sich zu schlagen, also schlagen sie sich. Hier ist das vor allem der Nachfahre eines Meisters, der diesem versprochen hat, nicht nur der beste Schwertkämpfer zu werden, sondern auch noch (obwohl er schon ein exzellentes Schwert hat) andere Schwerter mit geheimnisvollen Eigenschaften zu erobern. Also schreiten er und das Schwert mit festem Blick durch die Landschaft, und zwar ohne Gepäck, ohne Ersatzkleidung und ohne Deo-Spray, trotzdem aber niemals nach Schweiß riechend (sonst würden sich nicht alle Schönen am Wegesrand in ihn verlieben).
Er trifft auf heldenhafte Gegner, mit denen er sich verbündet, sowie auf schurkische Gegner, welche die Herrschaft im Kungfu-Reich an sich reißen wollen. Das jedoch kann der Held in vielen äußerst gefährlichen Kämpfen verhindern. Am Ende besiegt er alle Bösen, die sich ihm in den Weg stellen, um auf diese Weise seinem Vorsitzenden Xi Jinping im Kampf um gewisse Inseln Mut zu machen.

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QING MI 情迷 ("The Second Woman")
Von Carol Lai, China 2012. 101 min, mit Shu Qi, Shawn Yue, Miu Mengmeng. Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Glanz und Elend chinesischer Schauspielerinnen - und die Abhängigkeit von guten Regisseuren und Drehbüchern - zeigt sich überdeutlich bei der ebenso schönen wie begabten Shu Qi. Gong Li hatte das Glück, auf Zhang Yimou zu treffen. Um Zhang Zhiyi, die eindrucksvolle Nicht-Schauspielerin, reißen sich Chinas Regisseure. Shu Qi jedoch, geborene Taiwanesin und anfangs Pornodarstellerin, muss sich ihren Platz unter den seriösen Darstellerinnen mühsam erkämpfen. Selbst Feng Xiaogang in "Fei Cheng Wu Rao" 1 und 2 gab ihr kaum Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen. Vermutlich erhoffte sie sich genau das von "Qing Mi / Second Woman".
Hier nämlich spielt sie eine Doppelrolle. Erstens A-Bao: eine mittelmäßige Bühnenschauspielerin, die mit dem Schauspielerkollegen Nan liiert ist. Zweitens deren Zwillingsschwester Huixiang, die sich in einem Haus am Meer um die blinde Mutter kümmert. Huixiang nun entwickelt zunehmendes Interesse sowohl an dem Freund der Schwester als auch an deren Arbeit. Als A-Bao einmal erkrankt, ergreift Huixiang die Chance, unerkannt die Rolle der Schwester zu spielen. Sie erntet einhelligen Beifall. Eifersucht kommt auf, und plötzlich ist eine der Zwillingsschwestern verschwunden. Vielleicht ein Mord? Und wer ist die Frau, die jetzt die auf der Bühne und im Bett mit Nan zusammen ist - A-Bao oder Huixiang?
Natürlich war die Doppelrolle schon technisch eine Herausforderung. Denn die Szenen, in denen beide Schwestern zu sehen sind, mussten "leer" gespielt und hinterher zusammengesetzt werden. Dennoch gab es Kritik, und zwar sowohl aufgrund der mangelnden psychologischen Differenzierung, als auch wegen der eher amateurhaften Ermittlungen in dem, was doch ein atemloser Suspense-Thriller sein sollte. So wartet denn Shu Qi immer noch auf eine Rolle, in der sie als Schauspielerin endlich einmal glänzen kann.

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QING NIAN JIN XING QU  青年进行曲 („The March of the Youth“)
Von Shi Dongshan, China 1937. Mit Shi Chao, Hu Ping, Tong Yuejun. Schwarzweiß, 104 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Fast 80 Jahre alt, gibt dieser Film einen guten Einblick in Gesellschaft und Klassenkonflikte im China der Republikzeit. Es ist die Zeit, in der die Japaner bereits den Nordosten besetzt haben und sich anschicken, ihren Eroberungskrieg auf ganz China auszudehnen.
Hauptperson ist der Student Wang Bolin: ein freundlicher und mitfühlender, jedoch anfangs willensschwacher Sohn eines reichen Großhändlers. Zusammen mit anderen Studenten beobachtet er Getreidetransporte, um zu verhindern, dass diese gehortet und auf dem Schwarzmarkt überteuert verkauft werden. Dabei kommt einer von ihnen ums Leben. Im Zusammenhang damit verliebt sich Wang Bolin in die junge Jindi, eine Arbeiterin in einer Seidenfabrik. Als sein Vater Wang Wenzhai davon erfährt, schickt er den Sohn nach Shanghai. Gleichzeitig sorgt er dafür, dass Jindi entlassen wird und auch ihre Wohnung verliert, die sie mit ihrer jüngeren Schwester teilt. Beide Schicksalsschläge überlebt Jindi nicht lange. Das gehortete Getreide verkauft Wang Wenzhai an die Japaner. Doch als sein Sohn davon und vom Tod der Freundin erfährt, verlässt er seine Familie und schließt sich den Revolutionären an, um gegen die Japaner zu kämpfen. - Der Film hat englische Untertitel, ist aber auch (wie die meisten der frühen Tonfilme) aufgrund seiner einfachen Sprache ziemlich gut zu verstehen.

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QING REN JIE 情人节 ("A Time to Love")
Von Huo Jianqi, China 2005. Mit Zhao Wei und Hou Jia.113 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Die Story: Qu Ran (gespielt von Zhao Wei, die wir schon in Lü Cha / Green Tea und Hua Pi / Painted Skin sahen) und Hou Jia (gespielt von Lu Yi) kennen sich seit der Kindheit. Beide fühlen sich füreinander bestimmt. Dann aber verbietet Hou Jia's an den Rollstuhl gefesselte Mutter ihrem Sohn den Umgang mit der Freundin. Nach und nach klärt sich die Vorgeschichte auf. Die Mutter gibt Qu Rans Vater die Schuld daran, dass ihr Mann, Hou Jia's Vater vor Jahren kritisiert und degradiert wurde und daraufhin selber aus dem Leben ging: Romeo und Julia in der Zeit nach der Kulturrevolution. Qu Ran und Hou Jia verbringen eine Nacht miteinander, dann trennen sie sich. Hou Jia geht nach Amerika und hat dort Erfolg, so dass er seine Mutter eine bessere Wohnung kaufen kann. Aber weder er noch Qu Ran finden eine neue tiefe Beziehung. Als Hou Jia zurückkehrt, vermeidet er es, Qu Ran zu besuchen ... bis sich beide durch einen Zufall wieder treffen. - Mit Recht erhielt Zhao Wei für diese Rolle 2005 auf dem internationalen Festival in Shanghai den Preis als beste Schauspielerin.

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QING SONG LING 青松岭 ("Pine Ridge ")
Von Liu Guoquan, China 1965. Mit Li Rentang, Liu Xiaomei, Zhu Longguang. Farbe, 108 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Quasi am Vorabend der Kulturrevolution kam dieser Filmklassiker in die Kinos. Wie alle Filme dieser Zeit ist auch er pure Propaganda. Es geht um den Aufbau der neuen Gesellschaft auf dem Lande, und das heißt zu dieser Zeit immer noch: Volkskommune. Allerdings gibt es neben dem gesteuerten staatlichen Markt immer noch oder schon wieder (warum eigentlich?) einen freien Markt. Und die Frage ist, ob die Bauern alle ihre Produkte der staatlichen Distribution zur Verfügung stellen oder auf dem freien Markt verkaufen. Die Schurken in diesem Film sind für letzteres, vor allem der gerissene Qian, der mit allen Mitteln versucht, die Verfügung über den großen Pferdekarren des Dorfes in seiner Hand zu behalten. Am Ende stellte sich heraus, dass er seine Klassenherkunft als früherer Großbauer verheimlicht hat, was die Helden des Films darin bestätigt, niemals den Klassenkampf außer acht zu lassen. - Im Grunde geht es auch um diesen Film natürlich um die Machtfrage. Die zentrale Botschaft aller dieser Filme ist stets: Die allmächtige Partei ist (ebenso wie im Kaiserreich das Kaisertum und in der Religion Gott) gesetzmäßig gut - und wer es wagt, daran zu zweifeln, wird vernichtet.

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Quan Min Mu Ji  全民目击 (Silent Witness), China 2013. Gerichts-Thriller von Fei Xing 非行, mit Sun Honglei 孙红雷, Aaron Kwok 郭富城, Yu Nan 余男. 116 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

林泰孙红雷饰)是当地名噪一方的富豪,近来正筹备自己人生中的另一件大事,与 钟爱多年的女友结婚。不料此时传来噩耗,准新娘被人杀死在公寓的地下停车场,林 泰闻讯如雷击顶。警方把怀疑的目光瞄向了他的独女林萌萌邓家佳 饰),检方提起诉讼后,林泰花重金聘请著名律师周莉余男 饰)为其女辩护,周莉曾为诸多有名的案件做过代理人,对打赢这场官司信心满满, 庭审前,做了大量案头工作。公诉方派出的则是大名鼎鼎的检察官童涛,他的公诉犀 利坚锐、一语中的。庭审开始后,控辩双方剑拔驽张,火药味十足,但随着审理的进 一步深入,罪案越发扑朔迷离,似进入一条看不到边际的死穴。...
Im US-amerikanischen Strafprozess sind Staatsanwalt und Verteidiger echte Kontrahenten, gelegentlich Feinde: Voraussetzung für Gerichts-Thriller wie etwa "Zeugin der Anklage" (Billy Wilder 1957). In China ist das anders; hier untersteht der Verteidiger ebenso den Weisungen der Politik wie der Staatsanwalt. Nur in der Fiktion darf so getan werden, als gäbe es auch im Reich der Mitte eine unabhängige Justiz, so dass der Ausgang eines Verfahrens wirklich ungewiss ist. Tatsächlich darf man bezweifeln, ob es ein Verfahren wie in "Silent Witness" in der Realität geben könnte. Filmisch jedoch bedeutet dieses Werk in Chinas Genre "Gerichtsfilm" einen Höhepunkt.
Ausgangspunkt ist ein Mord, genauer gesagt, eine Tötung. Offenbar hat Lin Mengmeng, Tochter des schwerreichen Lin Tai (Sun Honglei 孙红雷), in einem Anfall von Wut die Geliebte des Vaters und Stiefmutter in spe mit dem Auto angefahren und tödlich verletzt. Ihre Verurteilung scheint sicher, doch ihr Vater setzt alle Hebel in Bewegung, sie vor dem Gefängnis zu retten. Als erstes engagiert er die Staranwältin Zhou Li (Yu Nan余男), und der gelingt es, dem Fahrer des Unglückswagens ein Geständnis abzuringen. Aber Staatsanwalt Tong Tao (Aaron Kwok 郭富城), der es schon lange auf den reichen Lin Tai abgesehen hat, recherchiert weiter. Als ein Video auftaucht, das den Vater als wahren Täter zu entlarven scheint, spitzt sich das Duell aufs äußerste zu. Doch auch jetzt schafft es der Film, den Zuschauer mit immer neuen Wendungen zu überraschen. Spannend – und dazu mit absoluten Spitzenschauspielern besetzt!

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QUAN SHUI DING DONG 泉水叮咚 ("Bubbling Spring")
Kinderfilm von Shi Xiaohua, China 1982. Mit Zhang Ruifang, Zhang Xiangfei, Niu Beng. 95 min, Chinesisch OHNE Untertitel. Altersempfehlung: ab 6 Jahre

Großmutter Tao ist eine pensionierte Erzieherin. Als sie erfährt, dass es wegen Verzögerungen bei einem Bauprojekt in ihrer Nachbarschaft demnächst keinen Kindergarten mehr gibt, beschließt sie, in ihrer Wohnung tagsüber Kinder zu betreuen. Ihre Nichte Xueli, die als Musikstudentin ihre Abschlusskomposition verfassen muss, ist damit nicht einverstanden und zieht aus. Doch als sie die Liebe sieht, die Großmutter Tao den Kindern und diese ihr entgegenbringen, kehrt sie zurück und komponiert das Stück "Bubbling Spring", mit dem sie ihre Prüfung besteht. - Ein Film, der mit seiner Aufbruchsstimmung und dem heute kaum noch anzutreffenden Gemeinsinn der 80-er Jahre geradezu rührend wirkt.

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Quan Zhi Sha Shou 全职杀手 (Fulltime Killer), Hongkong 2001. Thriller von Johnnie To杜琪峰, mit Takashi Sorimache反町隆史, Andy Lau刘德华, Kelly Lin林熙蕾, Simon Yam 任达华. 95 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

至爱死后,杀手O(反町隆史)在一个安全隐蔽的住所将自己完全封闭了起来,生命字 典里只剩下了杀戮和孤独,但当被雇佣过来打扫住所的天真无邪酷似前女友的女孩Chin 出现时,他的心门再次被打开,然而两人从没见过面。喜欢杀人的刺激,立志成为头 号职业杀手的 Tok(刘德华)为逼O现身,意图对 Chin 揭穿O的真正身份。
  经验丰富的国际刑警Lee(任达华)已对O 进行了5 年以上的追踪。在 Tok Lee 的双重夹击下,O 被迫向他的上级C7求助。O 不知的是, C7 Tok 正是 Lee 所揭露的奥运会后失踪的神枪手兄弟,此次他会被救,原因 Tok C7 施压,然而 Tok 的目的,是为了与他来场生死决斗...

Zur Sozialpsychologie Chinas gehört es, dass in einer Gesellschaft, deren real herrschende Ideologie stets der kollektive Konformismus war, Film und Literatur von Helden wimmeln, die das Gegenteil verkörpern. Hierzu gehören zum einen die Martial-Arts-Heroen in dem endlosen Strom erfolgreicher Wushu-Schinken, mit denen China immer wieder rückwirkend die Opiumkriege und prospektiv den bevorstehenden Krieg um die Inseln vor Vietnam und Malaysia gewinnt. Demselben psychologischen Grundmodell entspricht das Genre der Auftragskiller – im vorliegenden Film meisterhaft zelebriert von Johnnie To.
Die Story: In der Branche gilt der geheimnisvolle Japaner "O" (Takashi Sorimache)als die Nummer Eins: verschwiegen, gründlich, erfolgreich. Doch der Chinese Tok (Andy Lau), der sich selber als die Nummer Eins sieht, fordert ihn heraus. Er drängt sich in das Leben von O, beginnt eine Beziehung mit der jungen Chin, von der er weiß, dass auch O sie heimlich liebt. Von nun an kreuzen sich die Wege der beiden immer öfter: zuerst, indem einer die Aufträge des anderen entweder mit der Kamera verfolgt oder selber eingreift. Schließlich kommt es zu einem Treffen von O, Tok und Chin, an dessen Ende die beiden Killer zu einem verlassenen Lager fahren, um ihr definitives Duell auszutragen. Wer von beiden wird es gewinnen ... falls es überhaupt einen Überlebenden gibt ...?

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Ren Dao Zhong Nian 人到中年 ("At Middle Age"), China 1982. Von Wang Qimin 王启民 und Sun Yu 孙羽, mit Da Shichang 达式常 und Pan Hong 潘虹. Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

1979年秋,某医院中年眼科医生陆文婷,因心肌梗塞急性发作,送去抢救。眼科孙逸 民主任记得,陆文婷(潘虹饰)医术精湛,全心全意为患者服务,但在医院工作18年 仍是住院医生,月工资只有565角。陆文婷的爱人傅家杰(达式常饰)是被她治愈的 患者从事金属力学的研究工作,两人婚后生活幸福美满,但繁重的工作和生活的重担 却把陆文婷压垮了。她在发病那天上午连续做了三个手术,其中一个是焦成思(浦克 饰)副部长的白内障摘除手术。部长夫人秦波(任秀艳饰)对既不是主任级大夫又不 是主治医生更不是党员的陆文婷很不放心,却不知道“十年动乱”中正是陆文婷不畏 红卫兵的威胁,为焦部长的另一只眼睛做的白内障摘除手术。陆文婷的女儿生病,她 却直到看完病人才赶到托儿所,看到高烧的女儿独自躺在床上,心中充满歉疚。经过 抢救,陆文婷恢复知觉,她忏悔自己没有尽到妻子和母亲的责任,嘱咐丈夫照顾好孩 子。傅家杰听了心如刀割。陆文婷的好友姜亚芬(赵奎娥饰)夫妇即将出国,在陆家 举行的告别宴上,大家感慨中年人的甘苦。陆文婷在医院精心的治疗和护理下,逐渐 恢复健康,医院专门派车将她送回家中 。。。

Frage: Was war es, das es im Film der Volksrepublik nur in den 80er-Jahren gab? Richtig: Arrogante, verlogene, korrupte Parteifunktionäre. Seit 1990 zeigen Chinas Filme in Behörden, Partei, Armee und Polizei nur selbstlose Engel - was der unanfechtbare Beweis dafür ist, dass alles in China perfekt ist.
"At Middle Age" war von allen Werken der 80er-Jahre vielleicht der Film mit der größten gesellschaftlichen Wirkung. Jedenfalls drückte er den Geist seiner Zeit perfekt aus: nämlich das wiedererwachte Bewusstsein dafür, dass Chinas Intellektuelle zwar die schwersten Lasten für den Aufbau des Landes trugen, dafür jedoch in keiner Weise belohnt wurden. In den Jahren danach besserte sich auf drastische Weise erst das Ansehen, dann auch die wirtschaftliche Lage der Ärzte, der Forscher, der Hochschullehrer.
Die Story: Lu Wenting ist seit 18 Jahren Augenärztin in einem Krankenhaus. Ihr Mann ist Forscher in einem metallurgischen Institut. Zusammen mit ihren zwei Kindern leben sie in einem Raum von 12 Quadratmetern. Täglich hat sie Operationen durchzuführen, denen sie sich mit aller Sorgfalt widmet. Aber außerdem ruht auf ihr die Hauptlast von Einkaufen, Haushalt, Versorgung der Kinder. Dann soll ein hoher Parteifunktionär operiert werden, und dessen Frau terrorisiert mit ihren Ansprüchen das ganze Krankenhaus. Vor allem bezweifelt sie die Kompetenz von Lu Wenting, nachdem der Funktionär vor Jahren von einer sehr guten Ärztin am andern Auge operiert wurde. Erst in der Operation erkennt der Funktionär, dass es Lu Wenting war, die ihn damals operiert hatte. Aber während der Funktionär und seine Frau im Dienstwagen herumgefahren werden, kann Lu Wenting, als ihr eigenes Kind erkrankt, nicht einmal einen Krankenwagen oder ein Taxi finden.
Dann, an einem Tag mit drei Operationen hintereinander, erleidet die Ärztin einen Herzanfall. Während sie selber im Krankenhaus liegt, erinnert sie sich an die Stationen ihres schweren Lebens. Sie erholt sich, und ihr Mann verspricht, dass sie es von nun an leichter haben soll. Ein Versprechen, das (siehe oben) nicht nur er, sondern vor allem Staat und Gesellschaft erfüllen müssen.

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REN GUI QING  人鬼情  ("Woman Demon Human")
Von Huang Shuqin, VR China 1987.  Mit Pei Yanling, Xu Shouli, Li Baotian, Gong Lin. 100 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Die Handlung basiert auf dem Leben der Pekingoper-Darstellerin Pei Yanling, die selber im Film mitspielt. Pei Yanling (im Film: Qiu Yun) war berühmt für ihre Männerrollen - also ein Gegenstück zu Mei Lanfang, dessen sensible Frauenrollen bis heute unübertroffen sind.
Qiu Yun wächst in einer reisenden Pekingoper-Truppe auf. Von ihrer Mutter verlassen, schließt sie sich an ihren Vater an, der in der Truppe die Geisterrollen spielt (und von dem sie später erfährt, dass er nur ihr Stiefvater ist). Gegen dessen Widerstand lernt sie Technik und Gesang der Pekingoper. Bald wird sie eingeladen, an einer Opernschule zu studieren, wo sie sich immer mehr für Männerrollen interessiert. Sie wird berühmt und erregt den Neid ihrer Kollegen. Sie verdient Geld. Nur das Glück in der Liebe bleibt aus. Ein Treffen mit ihrer Mutter und ihrem leiblichen Vater bleibt unerfreulich. Als die Geister der Oper sie am Ende fragen, was sie mit ihrem Leben gemacht hat, stellt sie fest, dass ihr wichtigster Partner die Bühne war.
Eine Kurzkritik für das Dortmunder Frauenfilm-Festival im April 2013 zitiert die Filmhistorikerin Dai Jinhua mit dem Satz, “Ren Gui Qing” sei Chinas einziger wirklich feministischer Film. Das ist ein erstaunliches Verdikt, bei dem man sofort an die Mulan-Thematik oder die Rollen von Ruan Lingyu in “Xiao Wanyi” oder “Xin Nüxing” denkt. Erst recht fällt in dieser Hinsicht auf, dass im Film gerade diejenigen Lebensstationen, die fast zwangsläufig zu Gender-Konflikten führen - Eheschließung, Geburt und Betreuung des Kindes - weitgehend ausgespart sind. Darüber wird also zu diskutieren sein.

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REN HUAN MA JIAO  人欢马叫 ("A Busy Country Scene")
Filmoper von Xu Wen und Sun Jing, China 1965. Mit Chang Xiangyu und Wang Shanpo. Schwarzweiß, 111 min, Chinesisch ohne englische, aber mit chinesischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Traditionelle Opernformen mit zeitgenössischen Inhalten zu füllen, begann mit dem "White-Haired Girl" schon vor der Gründung der Volksrepublik. "A Busy Country Scene" ist eine weitere solche Pekingoper aus der Zeit der Volkskommunen. Sie spielt in einem kleinen Dorf in Henan. Verglichen mit den "Modellopern", die wenig später alle anderen Opern verdrängten, ist diese hier (in der es, ganz ohne Guomindang-Saboteuere, um den richtigen Umgang mit einem schwierigen Pferd geht) bemerkenswert humorvoll. Leider gibt es keine englischen Untertitel. Dafür sind die chinesischen besonders groß und deutlich, so dass der Film für Chinesisch-Lernende gut geeignet ist.

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REN JIAN – XIAO TUAN YUAN 人间,小团员 ("Aberdeen")
Von Edmond Pang Ho-Cheung, Hongkong 2014. Mit Louis Koo, Eric Tsang, Miriam Leung, Gigi Leung. 87 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

1973 in Hongkong geboren, kann Edmond Pang Ho-cheung (Peng Haoxiang 彭浩翔) schon an die 20 Filme vorweisen, bei denen er als Schauspieler, Autor, Produzent oder Regisseur beteiligt war. Darunter waren Werke wie Men Suddenly in Black (2003), Isabella (2007) oder Love in a Puff (2012). Seine Vielseitigkeit ist ebenso bemerkenswert wie seine Fähigkeit, aus banalen Konstellationen dramatische Konflikte entstehen zu lassen. Das Muse Magazin attestierte ihm "a Kafkaesque talent for seeing the absurd in the mundane realities of everyday life". Das trifft auch für das Familiendrama "Aberdeen" zu, das 2014 in die Kinos kam und viel Beachtung fand. Im Mittelpunkt stehen drei Generationen einer Familie, die in der Umgebung des Hongkonger Fischerhafens Aberdeen lebt. Zwischen Vater, Mutter und deren unhübscher Tochter sowie Onkel und Großvater und deren Partnerinnen bzw. Geliebten herrschen untergründige Aversionen und Verdächtigungen, Verletzungen und Verletzlichkeiten, die auf eine Tragödie hinzusteuern scheinen. Der Film zeigt, dass es in chinesischen Familien auch nicht besser oder vernünftiger zugeht als bei uns, und dass Schweigen und Verschweigen Beziehungsprobleme nur noch weiter verschärft. Allerdings gelingt es dem Regisseur bzw. seinen Protagonisten, das Verborgene dann doch noch aufzudecken und das Ganze zu einem versöhnlichen Ende zu führen.

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REN SHAN REN HAI 人山人海  ("People Mountain People Sea")
Von Cai Shangjun, VR China 2011. Mit Bao Zhengjiang, Chen Jianbin, Tao Hong. 93 min, Chinesisch OHNE UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Es war eine Sensation, als der Film  2011 in Venedig den Silbernen Löwen gewann - der zweite Spielfilm von Cai Shangjun, der vorher Drehbücher für Filme von Zhang Yang geschrieben hatte. Doch trotz der Empfehlung von Venedig fand das Werk weder im Westen noch in China den Weg in die großen Kinos. Das ist kein Wunder, denn dieser lakonische Film verschließt sich jeder Identifizierung, jedem schnellen Mitgefühl.
Im Mittelpunkt steht Lao Tie, ein im Grunde wurzelloser Wanderarbeiter. Zu Beginn des Films wird gezeigt, wie sein jüngeren Bruder einem Raubmord zum Opfer fällt: Ein Fahrgast, den er auf seinem Motorrad zu einem einsamen Berg fährt, ersticht ihn und fährt mit dem Motorrad davon. Die Polizei weiß bald, wer das war, aber der Täter ist geflüchtet. Lao Tie sieht es von nun an als sein Schicksal an, den Bruder zu rächen. Aber er ist kein aktiver Detektiv, sondern selber nur ein Getriebener, der sich von seinem Dorf nach Chongqing treiben lässt, bei Gelegenheit seine Ex-Frau halb vergewaltigt, schließlich in einem illegalen Kohlebergwerk landet, wo der Täter vielleicht arbeitet. Es ist eine Reise durch den unteren Teil der chinesischen Gesellschaft, die Lao Tie da durchmacht - ohne Diskussionen, ohne Psychologie, ohne Erklärungen. Dasselbe gilt für diesen distanzierten und sperrigen Film.

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REN ZAI JIONG TU ZHI TAI JIONG 人再囧途之泰囧 ("Lost in Thailand")
Von Xu Zheng, VR China 2012. 105 min, mit Xu Zheng, Wang Baoqiang, Huang Bo. Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Hier ist er: der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten. Mit kaum 4 Millionen Dollar Drehkosten spielte er in China in den ersten 7 Wochen 200 Millionen ein - Dollar, nicht Renminbi. Nun rätselt die Filmwelt, worauf dieser Erfolg beruht.
Die Handlung ist kunterbunt, slapstickartig, rasant geschnitten und voller Action, aber die Story ist simpel: zwei smarte Pekinger Geschäftsleute und ein geschwätziger Einfaltspinsel hasten planlos durch Thailand und geraten in alle möglichen Abenteuer. Im Mittelpunkt Xu Long, ein erfolgreicher Wissenschaftler und Geschäftsmann: herrlich gespielt von Xu Zheng, der schon in "Call for Love" die Hauptrolle spielte und hier auch erstmals Regie führt. Er hat eine wichtige Erfindung gemacht, dabei jedoch seine kleine Tochter und seine Frau vernachlässigt, so dass die Ehefrau sich scheiden lassen will. Xu Long ist nicht einverstanden, doch erst einmal will er seine Erfindung in großem Stil vermarkten. Gao Bo hingegen, sein Kollege und Konkurrent, will sie lieber nach Frankreich verkaufen. Die Entscheidung liegt bei Lao Zhou, dem größten Aktionär der Firma. Der aber ist in Thailand auf einem Meditationstrip.
Also reisen Xu Long und Gao Bo in aller Eile dorthin, um möglichst vor dem andern Lao Zhou zu finden. Dabei gerät Xu Long mit dem einfältigen, aber unerträglich redseligen Zwiebelfladen-Bäcker Baobao zusammen (gespielt von Wang Baoqiang, der seit "A World Without Thieves" auf solche Rollen spezialisiert ist). Nachdem Xu Long seinen Pass verloren hat, kommt er von Baobao nicht mehr los, und von nun an geht alles drunter und drüber. Verfolgungsjagden, Abschüttelungsversuche, Verwechslungen, Täuschungsmanöver. Über echte und falsche Klöster, Transvestitenshows und Gangsterbanden geht es immer tiefer in den thailändischen Dschungel. Am Ende kommt es zum doppelten Showdown, hier Xu Long gegen Gao Bo, dort Baobao gegen einen erbarmungslosen Thai-Boxer ... am Schluss die Läuterung und das Happy-End für alle Beteiligten.
Was hat dieser Film, das all die grandiosen Werke von Zhang Yimou, Chen Kaige und Feng Xiaogang offenbar nicht hatten? Warum ist ausgerechnet er zum größten Kassenhit aller chinesischen Filmproduktionen geworden - im Einspielergebnis nur knapp hinter "Avatar", jedoch ohne dessen gigantische Kosten für Produktion und Promotion? Das fragen sich verzweifelt Laien und Fachleute, Soziologen und Psychologen. Vermutlich ist es die Mischung aus überdrehten, aber doch nicht zur Karikatur gewordenen Protagonisten, mit einer rasanten Slapstick-Handlung, in der sich offenbar viele Chinesen wiederfinden können - die kleinen Leute ebenso wie die gestressten Geschäftsleute mit ihren unvermeidlichen Beziehungsproblemen. Bemerkenswert ist aber auch die gewandelte Rolle wohlhabender Chinesen im Ausland, denen Regionen wie Thailand inzwischen als Entwicklungsland vorkommen. Also ein Film, den zu sehen großen Spaß macht, der es aber auch lohnt, über ihn nachzudenken. Das Ganze mit brillanten Schauspielern, von denen einer hier auch seine Erstlings-Regiearbeit abliefert. Was will man mehr?

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Ru Ci Fan Hua  如此繁华 ("So Busy")
Drama von Ouyang Yuqian, China 1937. Mit Li Lili 黎莉莉, Mei Xi, Hong Jingling. Schwarzweiß, 102 min, Chinesisch mit PC-generierten englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Zunächst scheint dies eine der gesellschaftskritischen Komödien dieser Zeit zu werden: Windige Geschäftsleute, lüsterne Offiziere, Luxusweibchen, die nur Kleidung, Schmuck und Feiern im Kopf zu haben scheinen. Am Anfang sind da der reiche Geschäftsmann Zhang und seine Frau, und sie vermieten eine Wohnung an den schleimigen Herrn Li und dessen Ehefrau (Li Lili黎莉莉).
Allerdings ist Herr Li viel weniger reich als es scheint, während er in Wahrheit erst die Kontakte sucht, um wirklich Geld zu machen. Dabei nimmt er in Kauf, dass sowohl Herr Zhang als auch der Kommandant Wang seiner Frau Avancen machen.
Doch dann kommt der jüngere Bruder des Herrn Zhang ins Spiel, der Frau Li von früher kennt und sich als Anhänger der Revolution entpuppt. Jetzt zeigt sich, dass Frau Li alles andere ist als die ergebene Ehefrau. Zusammen mit dem jungen Zhang fährt sie auf dessen Motorrad zu einem revolutionären Treffen. Die Bewegung braucht Geld, Frau Li braucht auch Geld, also stiehlt sie welches aus dem Geldschrank der Frau Zhang. Als der Diebstahl auffliegt, nimmt der junge Zhang zuerst die Schuld auf sich. Doch dann, nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann, bekennt Frau Li, dass sie das Geld gestohlen hat - und ohne viel Federlesen verlässt sie ihren Ehemann und folgt dem jungen Zhang in einer ungewisse Zukunft.
Noch selbstbewusster als Ruan Lingyu in ihren großen Filmen spielt hier Li Lili eine starke Frau, die sich so unbekümmert über die konfuzianischen Rollenbilder hinwegsetzt, wie es in den Filmen des angeblich "revolutionären" China nach 1949 niemand mehr zu zeigen gewagt hat. Erstaunlich, dass dieser Klassiker im Westen so gut wie unbekannt ist, zumal es hier auch Raritäten zu sehen gibt wie die Motorradfahrt durch die Stadt, oder Frau Li komplett in Unterwäsche. Wer sich für die Rolle der Frau in der chinesischen Kulturgeschichte interessiert, wird an diesem Film seine Freude haben.

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SA JIAO NÜ REN ZUI HAO MING  撒娇女人最好命 ("Women Who Flirt")
Komödie/Romanze von Pang Ho-cheung, China/Hongkong 2014. Mit Zhou Xun (周迅), Huang Xiaoming, Sonia Sui, Evonne Hsieh. 92 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Zhou Xun (周迅), heute eine der beliebtesten chinesischen Schauspielerinnen, ist das Gegenstück zu Frauen wie Zhang Ziyi: Weder schmelzende Schönheit noch verletztes Reh, sondern kühl, skeptisch, selbstbewusst. Also Eigenschaften, die eher als "maskulin" gelten. Mit diesem Rollen-Image spielt der Film von Edmond Pang: Was macht so eine Frau, wenn sie einen Mann liebt? Noch dazu einen Kollegen, der sie zwar als "gute Kameradin" schätzt, aber als männlicher Dummkopf auf ein kokettes Luder hereinfällt, das ihn mit gespielter Hilflosigkeit verführt? Mach es genauso, raten die Freundinnen der betrübten Angie (Zhou Xun). Das versucht sie auch, und es geht natürlich schief. Weil es eine Komödie ist, kriegt sie den Umworbenen am Ende dann doch – allerdings nur, weil der noch rechtzeitig zur Vernunft kommt.

Anmerkung: Zhou Xun ist die chinesische Marlene Dietrich (die der frühen Filme, versteht sich). Und wenn es wie oben gesagt um “Rollen” geht, dann nicht nur um die Rolle der Frau in China, zumal wenn sie einen Mann erobern will. Es geht auch darum, was für Rollen eine Schauspielerin wie Zhou Xun bekommt, die sich den üblichen Klischees der Weiblichkeit verweigert. Eigentlich kann sie einem leid tun, dass sie mangels sonstiger Angebote in solchen Komödien spielen muss. Die Klischees, die hier aneinandergereiht werden, sind selbst als “Komödie” eher kläglich. Und es ist typisch für diese Filme (wie überhaupt für den Mainstream-Film in der Volksrepublik) dass über solche Klischees nirgendwo nachgedacht wird - wie denn überhaupt in den Festland-chinesischen Filmen heute wenig nachgedacht wird. Chinas Filmemacher haben Geld, Technik, gute Ausbildung - nur eines nicht: Gedanken. Darum die Flucht in die Historie oder wie hier die Flucht in die Komödie. Alles nur, um eines zu vermeiden: freie, offene Gedanken - über die Welt, das Leben und die Liebe, aber eben auch das Land, in dem diese Filme gedreht werden (mehr dazu unten bei den Anmerkungen über den koreanischen Film).

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SAI DE KE BA LEI  賽德克•巴萊 ("Warriors of the Rainbow")
Rebellions-Drama von Wei Te-Sheng, Taiwan 2011. Mit Masanobu Ando, Umin Boya, Cheng Chi-Wie, Lin Ching-Tai. Teil 1 der Originalfassung, 144 min, Chinesisch und Taiwan-Dialekt mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 16 Jahre

2008 gelang Wei Te-Sheng mit "Cap No. 7" der (auf Taiwan) erfolgreichste taiwanische Film aller Zeiten. Das so erworbene Renommee ermöglichte es ihm anschließend, den bis dato teuersten taiwanischen Film aller Zeiten zu drehen, mit Produktionskosten von ca. 25 Mio. US-Dollar: eben "Warriors of the Rainbow". Ein kolossales Werk, im Original 4 Stunden lang, von dem wir den ersten Teil sehen. Zweifellos ein Film, wie es ihn im chinesischen Kulturkreis noch nie gab, und wie es ihn vermutlich nie wieder geben wird. Denn Chinesen spielen in diesem Film kaum eine Rolle. Im Mittelpunkt steht vielmehr der "Wushe Incident": eine Rebellion eingeborener Stämme im Jahr 1930, dem erst 130 Japaner und dann 600 Eingeborene vom Stamm der Sediq zum Opfer fielen. Das schlägt sich auch sprachlich nieder, denn der größte Teil der Dialoge wird nicht auf chinesisch gesprochen, sondern im Dialekt der Eingeborenen.
Angesichts der speziellen Problematik Taiwans sind in diesem Film nicht nur Handlung und Protagonisten von Bedeutung, sondern auch die Schlussfolgerungen für Geschichte und Politik. Der Vertrag von Shimonoseki hatte Taiwan (vormals "Formosa" = "Die Schöne") 1895 Japan zugesprochen. Der Widerstand, der sich auf der Insel dagegen erhob (z.B. die Gründung der kurzlebigen "Republic of Formosa"), wurde bisher überwiegend aus Sicht von Chinesen geschildert. Tatsächlich war jedoch der Widerstand der eingeborenen Stämme eher noch hartnäckiger. Wei Te-Sheng unternahm es, diesem Teil der taiwanischen Geschichte zu seinem Recht zu verhelfen.
Zentrale Figur des Films ist Mouna Rudo: der kühne Sohn eines Stammeshäuptlings, der später selber Häuptling und Anführer der genannten Rebellion wird. Seine heroisch-blutige Mannwerdung steht am Anfang des Films, der so in die Lebensweise der Eingeborenen einführt. Nicht das Leben in und mit der Natur steht hier im Vordergrund, sondern das blutrünstige Dasein der Krieger, die erst dann als echte Männer gelten, wenn sie einem Feind den Kopf abgeschnitten haben. Erst dann dürfen sie, zum äußeren Zeichen ihrer Mannbarkeit, auch tätowiert werden. Offenbar glaubte der Regisseur, Vorbildern wie "Braveheart" oder "Apocalypto" (beide von Mel Gibson) folgen zu müssen. Allerdings geht es in "Warriors of the Rainbow" nicht um ferne historische Epochen. Sondern es geht auch um das Taiwan von heute, und um die Frage von Kultur und Zivilisation und harmonischem Zusammenleben.
Natürlich zeigt der Film auch die Arroganz und Brutalität der japanischen Besetzer. Immer mehr engen diese den Lebensraum und die Freiheiten der Eingeborenen ein, bis sich schließlich die mutigsten Clans zusammentun, um anlässlich eines Sportereignisses alle Japaner eines Ortes auszulöschen. Wie die japanischen Autoritäten auf Taiwan darauf antworten werden, steht von Anfang an fest, zumal es sich ja um einen historischen Vorfall handelt (die Antwort der Japaner wird Teil 2 des Films zeigen). Doch bleibt die Heroisierung des Untergangs, die der Film betreibt, problematisch. Dasselbe gilt für das Ausblenden der taiwanischen Chinesen, die nur am Rande erwähnt werden: nämlich bei dem Gemetzel an den Japanern mit der knappen Bemerkung: “Wir töten keine Han(-Chinesen)”. Auch wer den Film anders und positiver beurteilt, wird einem zustimmen: Dieser Film ist nichts für zartbesaitete Gemüter.
Der Vertrag von Shimonoseki gehörte zu den "ungleichen Verträgen", auf deren Rücknahme China völlig zu Recht bestanden hat. "Ungleich" sind aufgezwungene Verträge, die auf dem Recht des Stärkeren beruhen und durch militärischen Druck und/oder politische Drohungen zustande kommen. China hat stets darauf beharrt, dass solche Verträge nichtig sind - eine Position, der jeder gerecht Denkende zustimmen muss. Allerdings wäre da noch ein Kleinigkeit. Da ich selber kein Sinologe bin, bitte ich die hochgelehrten Berliner SinologieprofessorInnen (alle chinesischen Dienststätten sind gleichermaßen willkommen), mir gelegentlich Wortlaut und Vorgeschichte der Verträge zukommen zu lassen, aufgrund derer Taiwan, Tibet, Xinjiang und andere Territorien völlig zu Recht und fraglos aus eigenem Willen Teile Chinas wurden. Ohne Zweifel sind alle diese Verträge gänzlich ohne Druck oder Gewalt zustande gekommen. Andernfalls wären sie natürlich als "ungleiche Verträge" ungültig, und das hätte die überaus gleichheitsliebende chinesische Regierung längst von sich aus erklärt. Es ist also nur eine kleine Formsache, dass ich, um die Verleumder Chinas noch besser widerlegen zu können, den Wortlaut dieser Verträge gerne kennen würde.

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SAI SHANG FENG YUN 塞上风云 ("Storm on the Border")
Von Ying Yunwei, China 1940.  Mit Li Lili, Shu Xiuwen, Chen Tianguo. SW, 90 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Über 70 Jahre alt ist dieser frühe patriotische Schwarzweißfilm. Er spielt unter den Viehzüchtern der Inneren Mongolei und ist schon aufgrund der vielen Außenaufnahmen eine Besonderheit. Ausgangspunkt ist der "7.Juli-Zwischenfall", also das Gefecht zwischen chinesischen und japanischen Truppe an der Marco-Polo-Brücke südwestlich von Peking am 7. Juli 1937. Im Anschluss daran kam es auch in den Grenzregionen zwischen dem Marionettenstaat "Mandschukuo" und der Inneren Mongolei zu Konflikten. Die Filmhandlung beschreibt, wie Viehhändler, die mit den Japanern zusammenarbeiten, Konflikte zwischen den mongolischen Nomaden und den vor Ort lebenden Han-Chinesen anstacheln und ausnutzen wollen, und wie die beiden Volksgruppen darauf reagieren. - Die "Untertitel" sind PC-generierte, oftmals komische oder falsche Übersetzungen, aber immerhin geben sie einen Anhalt, worum es geht.

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San Cheng Ji 三城记 ("A Tale of Three Cities")
Drama/Romanze von 张婉婷Mabel Cheung, Hongkong 2015. Mit 刘青云 Sean Lau, 汤唯 Tang Wei, 秦海璐 Qing Hailu, 井柏然 Jing Bairan. 129 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Natürlich nimmt der Titel Bezug auf Dickens' großen Roman "A Tale of Two Cities", der neben London vor allem in Paris spielt. Doch während die Haupthandlung bei Dickens wirklich im Zentrum der Französischen Revolution spielt, stehen hier bei der wichtigsten der "Three Cities" (nämlich Shanghai) nicht wirklich Shanghaier Ereignisse im Zentrum, und noch weniger bei den Nebenschauplätzen Wushu (Provinz Anhui) und Hongkong. Vielmehr geht es um eine dramatische "Liebe in Zeiten des Krieges" im China der 40er-Jahre.
Da ist zum einen A-Long (Sean Lau Ching Wan), der anfangs als Guomindang-Offizier mit Geheimdienstaufgaben tätig ist und diesen Job im Streit mit Vorgesetzen aufgibt, und dessen Frau an einer schweren Krankheit stirbt. Da ist zum andern Yuerong (Tang Wei), deren Mann bei einem Bombenangriff umgekommen ist. Sie hat zwei Töchter, A-Long hat zwei Söhne, und der Mut, die Tatkraft und das Mitgefühl beider lässt sie zusammenfinden. Doch die lebensgefährlichen Umstände trennen sie immer wieder, sowohl voneinander als auch von ihren Kindern, bis schließlich die Flucht erst von A-Long und dann von Yuerong nach Hongkong ein Zusammensein beider erhoffen lässt.
Diese Handlung beruht auf der Geschichte realer Personen, die zu Hongkongs Filmgeschichte eine höchst bedeutsame Beziehung haben – nämlich die Eltern von Jackie Chan. Nach den Verlautbarungen der Filmfirma waren die Eltern des Schauspielers allerdings viel stärker in halb kriminelle, halb im Widerstand befindliche Banden involviert als die Figuren im Film. Mit diesem ist Mabel Cheung eine atmosphärisch dichte, emotional ergreifende Darstellung der Wirren gelungen, in denen die Menschen im China dieser Jahre leben mussten – mit zweien der beliebtesten und ausdrucksstärksten chinesischen Schauspielern in den Hauptrollen.

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San Ge Wei Hun Ma Ma 三个未婚妈妈 ("Three Unmarried Mothers / All for Love")
Drama/Komödie von Jiang Ping, China 2012. Mit Ariel Aisin-Gioro 爱新觉罗·启星, Ju Wenpei 居文沛, Che Yongli 车永莉. 91 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Wenn für nichts anderes, dann wäre dieser Film schon für zwei Dinge interessant: erstens dafür, dass er einmal nicht in Shanghai spielt, sondern in Nantong: eine Stadt, die ebenfalls am Yangzi-Delta liegt, die aber in Deutschland kaum jemand kennt, obwohl sie samt Außenbezirken über 8 Millionen Einwohner hat. Zweitens, und vielleicht noch interessanter, der Name einer der drei Hauptdarstellerinnen: Ariel Aisin-Gioro. Also eine Nachfahrin jenes ruhmreichen Mandschu-Klans, der als Qing-Dynastie (清朝) für fast 300 Jahre Chinas Kaiser stellte, bevor nach einem Republik-Zwischenspiel 1949 die Gong-Dynastie (共朝) ausgerufen wurde, mit der KP (= Kaiser-Partei) als kollektivem Regenten.
Nachdem wir dachten, mit dem unglücklichen Aisin-Gioro Pu Yi (爱新觉罗•溥仪) sei der letzte Große der Familie dahingegangen, nun also die Schauspielerin. Und sie macht (auch wenn dies nicht gerade ein Kunstfilm ist) dem großen Namen Ehre. Als Mengmeng spielt sie eine junge Frau, die von einem Studienaufenthalt nach Nantong zurückkommt, und die auf der Straße ein ausgesetztes Baby findet und mitnimmt. Und die 1983 geborene Aisin-Gioro gibt der Rolle etwas Aristokratisches: eine fast ätherisch verletzliche, aber dennoch selbstbewusste junge Frau, mit einer untergründigen Melancholie, deren Begleitumstände sich erst gegen Ende offenbaren. Da stellt sich auch heraus (was der Zuschauer von Anfang an vermutet), wessen Kind Mengmeng da mitgenommen hat, nämlich das Baby von Meiling (Che Yongli 车永莉), der ausgehaltenen Geliebten eines reichen Unternehmers.
Diese kehrt von einem Ausflug zurück und erfährt von ihrem reichen Liebhaber, dass dieser angeblich pleite sei.Angeblich habe er die kürzlich geborene gemeinsame Tochter zu seiner Mutter aufs Land gebracht, was sich als Lüge herausstellt – nun sucht Meiling verzweifelt ihre Tochter.
Die dritte Frau im Spiel ist A-Ping (Ju Wenpei 居文沛): eine schöne reiche Unternehmerin, deren Verlobter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.Dessen Mutter liegt jetzt im Sterben, und sie macht A-Wen für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Um die Sterbende zu trösten, will ihr A-Wen vorspielen, sie habe mit dem Verunglückten ein Kind, und nun sucht sie verzweifelt eine junge Mutter, die ihr dazu kurz ihr Baby leiht.
Man merkt schon, dass die Handlung ziemlich schwach ist, auch wenn sie mit der Frage ausgesetzter und angenommener Kinder ebenso wie dem Problem lediger Mütter wichtige Themen anspricht. Aber kann man glauben, dass ein schwerreicher Unternehmer seine gerade geborene Tochter irgendwo auf der Straße ablegt? Und dass die Polizei zwar dieses Baby sucht, den reichen Kindesaussetzer jedoch völlig ungeschoren lässt? Oder dass eine reiche Unternehmerin selbst für einige tausend Yuan keine junge Mutter findet, deren Kind sie für ein paar Minuten einer Sterbenden im Hospital zeigen könnte? Realistisch ist lediglich der Verlobte von Mengmeng: Der darf das, was er für "Liebe" hält, als Vorwand benutzen, um Mengmeng zu kontrollieren und zu drangsalieren – und dass sie ihn nicht zum Teufel schickt, sondern am Ende heiratet, zeigt eine Philosophie, die in China wie im Westen wohl immer noch vielerorts üblich ist. Davon abgesehen sind es die Schauspielerinnen, die dem Film Tiefe geben, vor allem Aisin-Gioro als Mengmeng und Ju Wenpei als liebende Fast-Schwiegertochter. Auch dass sich am Schluss die drei Frauen auf eine Art Dreifach-Mutterschaft für das Baby einigen, ist eigentlich ein schöne Idee. Schade, dass auch dieser Film wieder einmal in der Welt der Reichen und Schönen spielt – was ihn die echten Probleme alleinstehender Mütter elegant ignorieren lässt.

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SAN MAO LIU LANG JI  三毛流浪记 ("Geschichte des Vagabunden Drei-Haar")
Von Zhao Ming, China 1949. Mit Wang Longji und Cheng Mo. Schwarzweiß, 70 min, mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 9 Jahre

Im Grunde ist auch dieser bemerkenswerte Film eine Variation des Pygmalion-Motivs: der Versuch, den Charakter eines Menschen komplett umzumodellieren. Scheinbar ein Kinderfilm - tatsächlich jedoch ein Ausnahmewerk der chinesischen Filmgeschichte. Nicht nur, dass dies eine der wenigen erhaltenen Komödien der Republikzeit ist, zumal im Wendejahr 1949. Erst recht bemerkenswert ist die anarchistisch-romantische Grundhaltung dieses Films. Eine Haltung also, die der offizielle Konfuzianismus gerne ignoriert oder unterdrückt, die sich aber z.B. in der Verklärung des Dichtergenies Li Bai oder Volksromanen wie "Die Räuber vom Liangshan-Moor" (水浒传) zeigt - und eben auch in diesem Film.
Dreihaar Sanmao - geschaffen nach einer damals populären Comic-Figur - ist ein Shanghaier Straßenjunge, der sich mit Betteln, Hilfsarbeit, Zeitungsverkauf und Sammeln von Zigaretten-Kippen durchschlägt. Eines Tages, so scheint es, zieht er das große Los: ein reiches kinderloses Ehepaar adoptiert ihn. Jetzt kann er sich an den feinsten Speisen satt essen, aber natürlich soll er auch das Benehmen der feinen Leute lernen. Das jedoch missfällt ihm zunehmend. Am Ende lässt er seine Kameraden von der Straße ins Haus, wo sie auf einer Feier ein grandioses Chaos anrichten. Dann wirft er seine teure Kleidung auf den Boden und verlässt das Haus. In der letzten Einstellung sieht man ihn in dem Jubelzug, der nach dem Einmarsch der Roten Armee im Triumph durch Shanghai zieht. Von jetzt an, so soll diese Szene ausdrücken, ist es in China ein für allemal zuende mit den armen Straßenjungen hier und den steinreichen Kapitalisten dort ... werch ein Illtum.

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SAN XIA QING SI  三峡情思 ("Romance in Three Gorges")
Von Xu Jihong und Zhang Wenjia, China 1983. Mit Li Wenbo, Guo Jing, Wang Zhiyi. 81 min, Farbe, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Auch diesen Film von 1983 zeichnet jene eigenartige Mischung aus Ernsthaftigkeit, Naivität und Hoffnung aus, die es - wie wir heute wissen - nur in den 80er-Jahren gab. Es waren Filme mit schlichter Dramaturgie und ohne technische Tricks, aber einer Philosophie, in der Geld, Macht und Beziehungen für einen kurzen Atemzug in Chinas Filmgeschichte keine Rolle zu spielen schienen. Was den Film darüber hinaus zu einem Zeitdokument macht, ist der Ort seiner Handlung: nämlich in den Yangzi-Schluchten mit ihrer spektakulären Schönheit und Wildheit, damals noch unberührt vom Projekt des Mega-Dammes, der viele der klassischen Sehenswürdigkeiten für immer unter dem Wasser des Stausees begraben hat.
Aber auch der Grundkonflikt hat es in sich, verkörpert in der Malerin Li Lan und dem Fotografen Ou Yang, die sich ineinander verlieben. Da ist für die Frau zum einen die Frage, ob und wie sich Liebe und Karriere verbinden lassen. Für Ou Yang aber geht es um seine Vorstellung von Kunst und Wahrheit: Für ein packendes Motiv und eine spektakuläre Perspektive ist er bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Er ist es auch, der von Li Lan verlangt, den Weg der braven Nachschöpfung alter Motive zu verlassen und eine neue, kühne Malweise zu finden. Nachdem die beiden verheiratet sind, kommt es um ein preisgekröntes Bild von Li Lan zum Streit: Das spektakuläre Bergmotiv, für das sie ausgezeichnet wird, hat sie nie gesehen, sondern einfach von einem Foto ihres Mannes abgemalt. Ou Yang verlangt, sie solle es zurückziehen. Sie aber weigert sich zunächst.
In sich gesehen ist das stimmig. In einem größerem Rahmen gesehen zeigt sich auch hier allerdings (wie allzu oft nicht nur in Chinas Kunst, sondern auch in seiner Politik) der Mangel an Wissen und internationaler Bildung, der damals fast alle und auch heute noch die Mehrzahl der Chinesen kennzeichnet. Es mag unangemessen scheinen, hier etwa an das Kunstverständnis eines Andy Warhol zu denken. Dass jedoch fast 150 Jahre nach Erfindung der Fotografie Autor und Regisseure eines chinesischen Films Fotografie und Malerei immer noch für unvereinbare Welten halten, ist schon merkwürdig. Aber wie gesagt: Gerade die Naivität, mit der in diesem Film Alltags- und Kunstfragen verbunden werden, macht ihn sehenswert.

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SHA JIE 杀戒("Redemption")
Von Zhu Qing, China 2013. Mit Liu Ye, Ni Ni, Wang Xun, Zhang Doudou. 93 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Revolution, Befreiung, klassenlose Gesellschaft ... war da was? Die Klassenschranken zwischen den kulturvollen Städtern und den Leuten vom Land führen in China auch heute noch immer wieder zu dramatischen Konflikten. Sie bestimmen auch die Dramaturgie in diesem Kino-Debüt von Zhu Qing.
Likun (gespielt von Liu Ye) ist leitender Angestellter einer Pferdefarm in der Nähe von Peking. In einer Rückblende zu Beginn des Films bringt er seine hochschwangere Ehefrau Yue'e ("Moony", gespielt von Ni Ni) ins Dorf seiner Eltern. Sein Vater ist der Dorfmetzger, und als das junge Paar ankommt, wird gerade ein Schwein abgestochen. Angewidert verlässt Moony den Mann und das Dorf, und das Drama nimmt seinen Lauf. Bald kommt es zur Scheidung. Es folgt ein erbarmungsloser Kampf um den Sohn, in dessen Verlauf Likun bald zu einem psychischen Wrack wird. Aber auch das Bild von Moony ändert sich, wird nach und nach klarer. - Ein Film, bei dem man spürt, dass ähnliche Konflikte im heutigen China tagtäglich zu Tausenden ausgetragen werden. Sehenswert!

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"The Drive to Win" 沙鸥 (Sha Ou), China 1981. Sportfilm-Klassiker von Zhang Nuanxin 张暖忻, mit Chang Shanshan 常珊珊, Lu Jun 卢君, Guo Bichuan 郭碧川. 84 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

中国女排正积极训练准备参加粉碎四人帮后第一个国际锦标赛。队医韩医生(卢君 饰)告诉主力队员沙鸥(常珊珊 ),她腰部严重劳损,需要尽快休养,因此她未列入出国名单。沙鸥执意要参加出国比 赛训练,母亲(江韵辉 )为了她的健康也劝她离队,同在国家登山队队员的未婚夫沈大威(郭碧川 饰)却支持她,她战胜伤痛坚持训练,终于获准出国参赛。沙鸥在比赛中获得银牌, 在归国的轮船上沙鸥痛心的将银牌丢进了大海。不久,沈大威在攀登珠穆拉玛峰时遇 雪崩遇难,事业和失去亲人双重打击,使沙鸥陷入极大的痛苦中。她慢慢的重新振作 起来,担任了女排教练。数年后她培养的女排姑娘们战胜了日本女排。此时已瘫痪坐 在医院轮椅上的沙鸥在电视上观看比赛 ...

Das Werk einer Regisseurin: der früh verstorbenen Zhang Nuanxin (1940-1995). Erzählt wird die Geschichte einer Frau, nämlich die der Volleyballspielerin Sha Ou. Um an die Spitze zu kommen – konkret: mit der Nationalmannschaft um Weltmeisterschaft oder Olympiasieg kämpfen zu können – unterwirft sie sich der quälenden Disziplin, die alle Spitzensportler auf sich nehmen müssen. Doch eine Rückenverletzung beendet ihre Träume. Dann kommt auch noch ihr Verlobter ums Leben. Aber sie gibt nicht auf und wird Trainerin. Als solche erlebt sie, selber im Rollstuhl sitzend, den Sieg ihrer Mannschaft – natürlich zum Ruhm des Vaterlandes.
Vergleicht man diesen Film mit jüngeren Werken, dann sieht man, welch enormen Weg Chinas Film und Chinas Gesellschaft in den letzten 40 Jahren zurückgelegt haben: vom propagierten Ideal "Dem Volke dienen" (in der Praxis "Dem Staat/der Partei/der Arbeitseinheit dienen") hin zum Anspruch des einzelnen auf individuelle Selbstverwirklichung.

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SHA SHENG 杀生 ("Design of Death")
Schwarze Komödie von Guan Hu, China 2012. Mit Huang Bo, Simon Yan, Alec Su. 108 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Mit dem Film "Dou Niu" 斗牛/ "Cow" war dem Regisseur Guan Hu und seinem Hauptdarsteller Huang Bo 2009 ein grandioser Film gelungen. Die Bedrohung des Dorfes durch die Japaner, Huang Bo in der Rolle des Dorftrottels und die fast surrealistische Präsenz einer holländischen Kuh mitten in einem chinesischen Bergdorf schufen in der Summe einen absolut einmaliges Werk. Und wie bei allen einmaligen Filmwerken, so weckte auch dieses bei den Schöpfern die Hoffnung, den Erfolg vielleicht doch mit denselben Rezepten zu wiederholen. Das Ergebnis ist immer noch sehenswert – hält allerdings keinen Vergleich mit dem überragenden "Cow" aus.
Zwar verkörpert Huang Bo auch hier wieder einen Außenseiter, aber leider einen durch und durch unsympathischen. Die Handlung spielt, so behauptet es jedenfalls der Film, um 1940 in einem abgelegenen Bergdorf. In Wahrheit jedoch ist dieses Dorf (ähnlich wie in Jiang Wens "Let the Bullets fly 让子弹飞) ein völlig aus der Zeit gefallener Ort mit absolut irrealen Bewohnern und Problemen. Warlords, Bürgerkrieg, Kommunisten, Guomindang, japanische Invasion - nichts davon scheint in diesem Dorf zu existieren oder auch nur bekannt zu sein. Auch Armut, Wohnungsnot, Hunger oder Geldmangel gibt es hier nicht. Einziges Problem ist es, sich des Dorfwiderlings Niu Jieshi zu entledigen (dessen Name Niu = Cow fast aufdringlich die Verbindung zu dem Erfolgsfilm signalisiert). Dieser Niu Jieshi nun, der alle Frauen belästigt und alle Riten missachtet, überlebt selbst kollektive Totschlagaktionen mit kaum mehr als einigen blauen Flecken. Irgendwann aber liegt er dann doch als Leiche da, und ein auswärtiger Arzt sucht nach der Todesursache. Ganz zuletzt stellt sich heraus, dass die totale Widerwärtigkeit des Niu Jieshi nur in der Sicht der Dorfbewohner existierte, während er in Wahrheit eine achtbare Persönlichkeit war. Da aber ist es viel zu spät, denn zu diesem Zeitpunkt ist die Abniegung des Zuschauers dem Protagonisten gegenüber schon zu tief.
Davon abgesehen irritiert mich auch an diesem Film (ebenso wie an den letzten Filmen von Jiang Wen oder von Zhang Yimou) die Flucht in die Geschichte oder ins Irreale, und damit die geradezu zwanghafte Vermeidung von Chinas heutiger gesellschaftlicher Realität. Film und Literatur leben von Konflikten; aber jedes tiefe persönliche Problem (selbst wenn es "nur" eine unglückliche Liebe, eine nicht bestandene Prüfung, ein Unfall oder eine Krankheit ist) hat auch eine gesellschaftliche Dimension: Wohnung suchen, Arbeit finden, eine Operation bezahlen, oder auch nur im Rollstuhl sitzend eine Straße in Peking überqueren wollen. Wenn man sich ernsthaft mit solchen Problemen beschäftigt, stellt sich immer auch die Frage nach der Macht im Staat, die für ihre Behebung zuständig wäre. Was ist eine Kunst wert, die es nicht wagen kann, diese Frage zu stellen?

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SHAN JIAN LING XIANG MA BANG LAI 山间铃响马帮来 ("Horse Caravan")
Von Wang Weiyi, China 1954. Mit Yu Yang, Sun Jinglu, Liu Qiong. Schwarzweiß, 85 min, Chinesisch mit computer-generierten englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Wie fast alle Filme dieser Jahre (hier: das Jahr 5 der Volksrepublik) ist auch dieser Film pure Propaganda, diesmal im Minoritäten-Grenzgebiet. Wie immer ist das Leben im volksrepublikanischen Teil eitel Sonnenschein, fröhliches Arbeiten und tiefer Dank an die Partei, während aus dem Ausland die Schurken der Guomindang versuchen, die neue Herrschaft und damit das Glück des Volkes zu sabotieren. Am Ende jedoch werden sie, versteht sich, auch in diesem Film besiegt und aufs Haupt geschlagen.
Zwar ist in diesen Filmen nicht nur das Filmmaterial schwarzweiß, sondern noch mehr das Denken. Trotzdem geben sie immer auch interessante Einblicke in die Zustände der damaligen Zeit, etwa im Blick auf Wohnen, Arbeit, Kleidung sowie die Gewohnheiten des dörflichen Lebens. Lustig sind dabei die vom PC erstellten Untertitel, die zum Beispiel den Großen Vorsitzenden 毛主席  Mao Zhuxi als "Hair Chairman" übersetzen. - Solche linguistischen Kostbarkeiten waren übrigens der Grund, warum die gesamte, mehr als 100 Titel umfassende Filmreihe dieser Serie vernichtet wurde, so dass sie außer in der Sammlung Lehmann vermutlich nirgends mehr außerhalb des Pekinger Filmarchivs existiert.

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Shan He Gu Ren 山河故人 ("Mountains May Depart")
Von Jia Zhangke , China/Frankreich/Japan 2015. Mit Zhao Tao赵涛, Zhang Yi 张译, Liang Jindong 梁景東, Dong Zijian董子健. 120 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Alle Welt erwartet von Jia Zhangke besondere Filme – offenbar er selber auch, und das merkt man seinem neuen Werk an. Dass eine Filmhandlung sich wie hier in drei Episoden über drei Jahrzehnte erstreckt, ist für sich genommen nichts Besonderes – wohl aber, dass nach 1999 und 2014 die dritte Episode im Jahr 2025 spielen soll. Doch dazu später mehr.
Fraglos die stärkste Episode ist die erste. Hier kehrt Jia Zhangke in seine Heimatstadt Fenyang zurück. Wie in seinem Erstling "Platform" (站台), der ihn berühmt machte, beginnt die Handlung in einer Truppe von Performern. Während sich die strahlende Tao (Zhao Tao赵涛) für einen Auftritt schminkt, sind zwei Männer bei ihr, die um ihre Gunst werben: der Minenarbeiter Liangzi (Liang Jindong 梁景東) und der smarte Geschäftsmann Zhang (Zhang Yi 张译). Der hat gerade einen nagelneuen roten Santana gekauft, und damit sowie mit seinem Geld gelingt es ihm, den Nebenbuhler auszubooten. Tao entscheidet sich für Zhang, und als sie Liangzi zur Hochzeit einladen will, ist dieser gerade dabei, die Stadt zu verlassen.
2014, in der zweiten Episode, kehrt Liangzi schwerkrank nach Fenyang zurück, mit einer anderen Frau und einem kleinen Kind. Tao ist inzwischen von Zhang geschieden, und der gemeinsame Sohn lebt beim Vater. Dann stirbt der Vater von Tao, und zum Begräbnis kommt auch ihr Sohn, jedoch längst der Mutter entfremdet. Schon hier zeigt sich, dass Jia Zhangke mit der Gegenwart nicht viel anfangen kann: Bei ihm benutzen auch 2014 die Leute ihre Smartphones nur zum Telefonieren, und Internet und Taobao, sind ebenso wie die ganz China dominierende Messaging-App 威信/WeChat so gut wie nicht existent.
Erst recht seltsam ist das Australien des Jahres 2025, das die dritte Episode zeigen soll. Auf den Straßen fahren die Autos von 2014. Der Held dieser Episode, der kaum erwachsene Sohn von Tao und Zhang, geht, um sich einen Flug buchen zu lassen, mit seiner Chinesischlehrerin in ein Reisebüro. Angeblich kann er auch kein Chinesisch mehr, so dass die Lehrerin (mit der er offenbar ein Verhältnis hat) beim Abschied vom Vater für ihn dolmetschen muss. Dann fahren beide in einem alten Ami-Straßenkreuzer durch die Landschaft, und in Fenyang geht ganz am Ende Tao mit ihrem Hund auf eine einsame schneebedeckte Wiese, um dort zu einem aus dem Off erklingenden Song zu tanzen ... in der Tat etwas Besonderes, aber für meinen Geschmack eher aufgesetzt. Dennoch ist der Film, wie alle von Jia Zhangke, mit seiner melancholischen Stimmung und seinen lakonischen Darstellern unbedingt sehenswert – dies trotz einiger optischer und akustischer Schwächen der Kopie, die am Freitag gezeigt wird.

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Shan Ju Hua 山菊花 Wild Chrysanthemum, China 1982. Drama von Xing Jitian邢吉田 und Chen Ying 陈颖.Mit Ni Ping 倪萍, Li Chaoyou 李朝友, Yi Qian 于千. 105 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

1933年秋的胶东昆仑山区,桃子嫁给石匠于震海结婚,并以为能平平安安过日子,但 于震海是共产党员,国民党高“清乡剿共”大屠杀,令桃子十分担心,不理解丈夫为 什么要当共产党。在动荡中,桃子遭受到很多磨难,使她渐渐明白,穷人要过上..

Ein Dorf in Shandong 1933: Mitten in ihrer Hochzeitsfeier gerät eine junge Braut in die Wirren des Bürgerkrieges.  Gehofft hatte sie auf einen braven Mann und ein ruhiges Familienleben. Stattdessen erfährt sie, dass ihr Mann zu den Revolutionären gehört, und was sie in der Folgezeit erlebt, macht auch sie zur Kämpferin. – Thematisch eher traditionell, hebt sich der Film dennoch durch seine Suche nach psychologischer Glaubwürdigkeit von den Propagandaschinken ab, die von 1949 bis 1979 Chinas Filmleben dominierten: Eben ein Film aus den ruhmreichen 80ern, also neben der Republikzeit den besten Jahren der chinesischen Filmgeschichte. - Die Frage allerdings, ob die KP außerhalb Yanans auf dem Land wirklich eine Massenbasis hatte, bevor Stalin die japanischen Waffen Mao überließ, kann auch dieser Film nicht beantworten.

=================================================================== SHAN XIANG FENG YUN  山乡风云 ("Disturbances in a Mountain Village ")
Von Fang Ying, China 1978. Mit Li Rong, Yin Zhiming, Hao Jialing. 95 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Als dieser Film gedreht wurde, war die Kulturrevolution seit zwei Jahren vorbei. Aber die Angst dieser Jahre erfüllte immer noch das ganze Land. Also folgten die Macher dieses Films den bewährten Rezepten: Beweihräucherung von Partei und Volksbefreiungsarmee, Verteufelung des politischen Gegners. Die Handlung spielt 1946: Ein Guomindang-Warlord, der in einer mächtigen Burg residiert, terrorisiert mit seinen Lakaien, Zuträgern und Soldaten die ländliche Umgebung. Die PLA-Guerrilla nimmt den Kampf auf und beschließt den Sturm auf die Burg. Dazu wird eine heldenhafte junge Frau ausersehen, sich ins Innere der Burg zu begeben. Sie wird das Vertrauen der Tochter des Warlords gewinnen und im entscheidenden Augenblick das Eindringen in die Burg ermöglichen.
Wie die meisten seiner Art ist der Film künstlerisch belanglos und inhaltlich verlogen. Aber wenn man ihn gegen den Strich betrachtet, scheint die Wahrheit deutlich genug durch. Die Frage ist nämlich: Wie verhalten sich Chinesen gegenüber Mächtigen? Antwort, zu ersehen an den Mitarbeitern des Warlords: in der Regel opportunistisch. Zu diesem Opportunismus gehört es, den Herrschenden zu schmeicheln, und genau das tun die Filmemacher. Je größer der Heldenmut der PLA, je edler die Parteikommissare in diesen ausgedachten Geschichten, desto deutlicher wird die wahre Botschaft dieser Filme: Wir, die Filmemacher, singen jetzt und immer das Loblied der Mächtigen, und wir raten jedem, dasselbe zu tun, sonst wird es ihm dreckig ergehen. Propaganda will niemals Wahrheit, sondern immer nur Unterwerfung - um das nicht zu vergessen, sollte man immer mal wieder solche Filme ansehen.

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Shang Hai Wang 上海王 (Lord of Shanghai), China 2017. Historischer Triadenfilm von Sherwood Hu 胡雪桦, mit Hu Jun 胡军, Liu Peiqi 刘佩琦, Li Meng李梦, Yu Nan余男. 107 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

上海王的剧情简介 · · · · · ·
  电影讲述了20世纪初上海滩十里洋场、黑帮势力的角逐纷争。纷杂乱世中,奇女 子筱月桂(余男 饰)与三代上海王之间充满传奇色彩的爱恨情仇。   在妓院做丫头的乡下女孩小月桂(李梦 饰),“个高、胸大、没裹脚”, 让老板新黛玉(白灵 饰)很不满意,却深得洪门老大常力雄(胡军 饰)欢心,成为一代上海王的女人。 常力雄在与同盟会代表黄佩玉(秦昊 饰)接触过程中被暗杀,小月桂孤助无援,产女后流落乡下。
  历经数年艰辛,小月桂成立滩簧班子,重返大上海,在第二代上海王黄佩玉帮助 下,成为“申曲名伶”筱月桂(余男 饰)。 功成名就的筱月桂从没忘记要寻找杀死常力雄,也就是她女儿父亲的凶手。当她发现 自己爱上黄佩玉时,也证实了“洪门内奸的真正身份”。 她与常爷的前跟班余其扬(凤小岳 饰)合谋除去内奸,助余其扬成为洪门第一个银行家,新的“上海王”。...

Die schöne Jungfrau im Bordell, die lieber sterben will als sich zu verkaufen (und dann vom Helden gerettet wird) – das ist seit Gong Li und "Lebewohl meine Konkubine" in China ein beliebtes Filmthema. Hier nun ist es die vom Land kommende schöne Cassia (als junge Frau Li Meng 李梦, später Yu Nan 余男). Bedrängt von Garnisonchef Song (Liu Peiqi 刘佩琦), wird ihre Ehre von dessen Gegenspieler Chang Lixiong gerettet (Hu Jun 胡军), dem Anführer der Hong-Men-Triade. Chang sympathisiert heimlich mit den Revolutionären, die auf den Sturz der Qing-Dynastie hinarbeiten. In der Mitte des Films kostet ihn das bei dem Versuch, den Revolutionär Huang Peiyu zu retten, das Leben – und das reißt den Film in zwei Teile, deren Bindeglied die Geschichte der Cassia ist.
Wie in China üblich (und wie von der Staatsführung erwünscht bzw. gefordert), sind auch in diesem Werk Kenntnis und Interesse an realer Geschichte nahe null. So fahren denn im Shanghai von 1905 schon die Autos aus den 30ern, und das auch noch rechts statt wie in der Realität links. Ergebnis ist ein Film mit schönen Bildern aus einem dramatischen Shanghai, von dem Romantiker wünschen und gerissene Autor(inn-)en wie Hong Ying behaupten, dass es so gewesen sein könnte.

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Shang Shi 伤势 (Regret for the Past), China 1981. Liebes-Drama von Shui Hua 水华,mit Wang Xingang 王心刚 und Lin Ying林盈. 98 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

故事发生在中国中原某地。一天,罗洁夫向死去的妻子梁秀兰的相片做忏悔,他的表 妹罗小燕来说有一个怪事,有一个黑影老在跟着她,罗小燕走后,他一个人在屋内, 幻觉中她死去的妻子又来跟他说了些话。后来罗小燕的同学于克明来说他接到一封恐 吓信,信中说叫他与小燕断绝关系。罗洁夫他提出为了罗小燕的安全禁止于克明与罗 小燕来往,经过痛苦的决定,于克明同意离开罗小燕,罗洁夫向姐夫孟立群表明了他 已爱上了罗小燕,但孟立群反对,并向小燕公开了姐姐梁秀兰死的真相 …

Hier nun ein Vorläufer des Films aus Malaysia, der zu diesem deutliche Parallelen aufweist, beruhend auf der Erzählung "Shang Shi" von Lu Xun. Die Geschichte spielt in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ohne Geld und tief verzweifelt haust Junsheng in einer schäbigen Wohnung. Er erinnert sich an die Zeit mit seiner Geliebten Zijun, von deren Tod er gerade erfahren hat.
Ohne Heirat und ohne Zustimmung der Familien waren sie vor einem Jahr zusammengezogen. Sie waren inspiriert von den Ideen der 4.-Mai-Bewegung und von der Figur der Nora aus Ibsens Drama "Nora oder ein Puppenheim". (Auf dem Filmposter oben hält Zijun ein Exemplar des Dramas unterm Arm). Aber als Junsheng seine Arbeit verliert, beginnt der Abstieg: ökonomisch, sozial, emotional. Ihr Zusammenleben führt allenthalben zu Klatsch und Kritik. Junsheng hofft, mit eigenen Texten und dem Übersetzen ausländischer Literatur etwas Geld verdienen zu können, bleibt aber erfolglos. Bald verliert Zijun ihre Heiterkeit und ihr früheres Selbstbewusstsein, und dann erkalten auch Junshengs Gefühle für sie. Als er ihr eines Tages sagt, dass er sie nicht mehr liebt, bricht sie zusammen. Bald darauf wird sie von ihrem Vater abgeholt, und nicht lange danach stirbt sie. Als Junsheng von ihrem Tod erfährt, bereut er seine Gefühlskälte – wohl wissend, dass es zu spät ist.
Doch auch die Geschichte von Lu Xun hatte, wie oben erwähnt, einen Vorläufer: Ibsens "Nora oder ein Puppenheim". Dies war ohne Frage das einfluss- und folgenreichste westliche Theaterstück, das jemals im Reich der Mitte übersetzt und gespielt wurde. Von ihm ausgehend wurde die Befreiung der Frau und ihr Ausbrechen aus einem Dasein als Dienerin oder Spielzeug des Mannes in China zu einem zentralen Thema. Das fand seinen Niederschlag nicht nur in Literatur und Film, sondern auch in den politischen Ideen der jungen Revolutionäre. 1907 erwähnte Lu Xun das Stück in einem Essay, und 1914 wurde es erstmals in China in englischer Sprache aufgeführt. 1918 erfolgte die Uraufführung auf chinesisch. Im selben Jahr widmete die von Lu Xun herausgegebene Zeitschrift "Neue Jugend" (新青年) Ibsen eine Sonderausgabe.
Das Thema der Nora blieb für Lu Xun ein bestimmendes Thema, im Leben wie im Schreiben. 1923 hielt er am "Peking Women's Normal College" den Vortrag "Was geschah, nachdem Nora gegangen war?" (娜拉走后怎么样?). Zwei Jahre später erschien seine Erzählung "Shang Shi" ("Regret for the Past"). Da hatte die Beziehung zu seiner 17 Jahre jüngeren Schülerin Xu Guangping schon begonnen. Später lebte er, nicht anders als Junsheng, mit ihr zusammen, ohne sie zu heiraten. Seine Ehefrau Zhu An hatte er gegen seinen Willen auf Wunsch seiner Eltern heiraten müssen. Trotzdem ließ er sich nie von ihr scheiden. Die Dramatik der Beziehung, wie sie in "Shang Shi" dargestellt wird, ist also in Teilen auch die von Lu Xun selber.

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Shang Zhan  商战 ("Capitalist War")
Drama/Thriller von Pete Yin, Hongkong 2013. Mit Don Tin, Dave Scott, Kate Ng. 102 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

In diesem B-Film wird ein Banker nach Hongkong geschickt, um ein großes Geschäft abzuschließen. Anfangs scheint das nur eine Formalität zu sein. Doch dann lernt er eine geheimnisvolle Frau kennen, die mehr über die Sache weiß, als für beide gut ist.  Er versucht, den Deal zu stoppen ... doch seine Gegner scheinen übermächtig.

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Shao Nian Ban 少年班 ("The Ark of Mr. Chow")
Tragikomödie von Xio Yang, China 2015. Mit Sun Honglei 孫紅雷, Zhou Dongyu 周冬雨, Liu Xilong. 94 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 9 Jahre

Kinder und Jugendliche mit Höchstbegabungen – in China, wo sich die ganze Hoffnung von zwei Eltern und vier Großeltern auf ein einziges kleines Wesen richtet, spielt dieses Thema beim Blick auf den Nachwuchs eine besondere Rolle. Tatsächlich gab es an chinesischen Universitäten eine Zeitlang ein Programm, das Höchstbegabungen schon früh aus den Schulen an die Unis holte (derzeit nur von zwei Unis weitergeführt). So beginnt denn der Film, indem Professor Zhou (Sun Honglei) durchs Land reist und Kandidaten für dieses Programm sucht. Während er – selber vor Jahren Mitglied des ersten Höchstbegabtenprogramms – das tut, ignoriert er ein Telegramm seiner Uni, das ihm mitteilt, das Programm werde eingestellt. Doch er überredet den Kanzler mit dem Hinweis auf einen internationalen Wettbewerb, bei dem jungen Forschern für die Lösung eines mathematischen Problems eine Million Dollar winkt.
Leider vertut der Film die Chance, ernsthaft auf die Besonderheiten höchstbegabter Jugendlicher einzugehen. In der Handlung sind es eher die freakigen Züge der Teilnehmer, die zu heftigen Konflikten führen. Dabei kommt Professor Zhou eine Schlüsselrolle zu, mit einer überraschenden Auflösung. – Unterm Strich ein Film über ein hochbedeutsames Thema, der viel von seinem Potenzial verschenkt, indem er versucht, eine Tragödie als Komödie darzustellen.

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"Yesterday Once More" 谁的青春不迷茫 (Shei De Qing Chun Bu Mi Mang), China 2016. "Coming-of-Age"-Drama von Yao Tingting 姚婷婷, mit Bai Jingting 白敬亭, Guo Shutong 郭姝彤, Li Hongyi 李宏毅, Wang Herun 王鹤润. 98 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

林天娇(郭姝彤 饰)是同学和老师们眼中公认的三好学生,不仅学习成绩优异,道德品质的高洁更是 有目共睹。然而,在一场非常重要的考试之中,林天娇因为患上了感冒而发挥不佳, 心急如焚的她想到了作弊,然而却因为作弊技术太差而东窗事发。
  让本以为一切都已经结束了的林天娇没有想到的是,同班同学高翔(白敬亭 饰)竟然替自己背了这个黑锅,要知道,高翔是那种林天娇最瞧不起的捣蛋王讨厌鬼 ,好吃懒做游手好闲简直一无是处。就这样,林天娇和高翔之间开始产生了奇妙的羁 绊,林天娇越想远离高翔,就越是有一股奇妙的力量将两人凑在一次。随着时间的推 移,两人都渐渐发现了彼此内心里不为人知的柔软一面 ...

Woran erkennt man, ob ein Film von einem Mann oder einer Frau gedreht wurde? Zumal in China? Sicher nicht daran, dass die Story aus Sicht einer Frau erzählt wird. Das war ja schon beim größten Stummfilm Chinas der Fall: "Goddess" (神女) mit Ruan Lingyu, 1934 gedreht von dem damals 27-jährigen Wu Yonggang. Oder bei dem großen Filmepos "Spring River Flows East" (一江春水向东流), 1947 gedreht von Cai Chusheng und Zheng Junli. Oder wenig später bei "Frühling in einer kleinen Stadt" (小城之春), 1948 gedreht von Fei Mu. Und doch hatte ich bei "Yesterday Once More" auf einmal das Gefühl: Das muss eine Frau gedreht haben. Und es bestätigte sich: Regisseurin ist die im Westen kaum bekannte Yao Tingting姚婷婷. Die war übrigens, als sie 2016 dieses Werk vorstellte, gerade einmal 32 Jahre alt.
Die Story beginnt wie bei diesen (in China besonders beliebten) "Coming-of-Age"-Filmen üblich. Es ist das letzte Jahr der oberen Mittelschule, also das Jahr, in dem sich entscheidet, an welche Uni man kommt und mit welchen Chancen man ins Berufsleben startet. Erzählt wird aus Sicht der zielstrebigen Lin Tianjiao: Klassenbeste, Klassensprecherin, Lehrer-Liebling – genau die Musterschülerin, die den anderen immer als Vorbild präsentiert wird, und die als solches auch von ihrem jüngeren Bruder bewundert wird. Doch es entwickelt sich – auch das den Regeln des Genre entsprechend – eine Beziehung zu Gao Xiang, dem Außenseiter der Klasse. Der nimmt seine schlechten Noten gleichgültig hin, träumt im Unterricht, hat offenbar ein eigenes Leben außerhalb der Schule. Und als der erste und einzige Mogel-Versuch von Tianjiao auffliegt, nimmt er dieses Vergehen samt Bestrafung auf sich ... womit alle Bedingungen für eine Romanze gegeben sind.
Doch dann geht der Film tiefer. Er zeigt den gnadenlosen Druck, den insbesondere die Mutter der Tianjiao auf ihre Tochter ausübt, nicht nur beim Lernen, sondern auch bei ihren Freundschaften. Das gipfelt in dem wütenden Ausruf: "In der Schule gibt es keine Freunde, sondern nur Konkurrenten!" Doch dann stellt sich heraus, dass die Eltern von Tianjiao ihren Kindern nur noch die Fassade einer Ehe vorspielen, während sie in Wahrheit längst geschieden sind. Es zeigt sich, das Gao Xiang der einzige aller Mitschüler ist, der es wagt, offen zu seinen eigenen Vorstellungen zu stehen. Als eine Kommission die Schule überprüft, weigert er sich, Schule und Lehrer mit Lügen anzupreisen. Dass Tianjiao immer noch zu ihm hält, macht Mitschüler neidisch: Sie stellen Gao Xiang bloß und machen öffentlich, dass sein Vater im Gefängnis sitzt. Jetzt reicht es ihm: Er beschließt, gemeinsam seinem Großvater die Stadt zu verlassen.
Als dann wie erwartet Tianjiao als Beste ihres Jahrgangs abschneidet, soll sie zum krönenden Abschluss vor der versammelten Schule eine Rede halten. Sie beginnt wie erwartet. Doch dann geschieht etwas im chinesischen Kino höchst Bemerkenswertes: Sie verzichtet auf Ehrung und Stipendium und entscheidet sich, dem Beispiel des Gao Xiang folgend, für – REBELLION! ... zu sehen am Freitag mit der Preisfrage: Woran erkennt man einen "weiblichen" Film?

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SHEN TAN HENG TE ZHANG 神探亨特张 ("Bejing Blues")
Polizeifilm von Gao Qunshu 高群书, China 2012. Mit Zhang Lixian, Wang Xiaoshan, Ning Caishen. 115 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Wenn ein Film aus der Volksrepublik in Taiwan den "Golden Horse Award" erhält (so wie "Beijing Blues" 2012), kann man sicher sein, dass er sehenswert ist. Das ist er in der Tat - und dazu einer der vielschichtigsten Filme, die in den letzten Jahrzehnten in China gedreht wurden.
Oberflächlich gesehen ist der Film ein Loblied auf die Polizei, vor allem auf den asthmatischen, abgeklärten Polizisten Zhang Huiling. Dieser arbeitet in Zivilkleidung in der Pekinger Innenstadt, und sein Bereich ist die allgegenwärtige Kleinkriminalität: Taschendiebe, Autoknacker, Trickbetrüger. Falschgeldschwindler. Banden, die Autounfälle provozieren und die Fahrer abzocken.
Auch der Polizeiapparat, dem Zhang angehört, erscheint hier absolut makellos: pflichtbewusst, unbestechlich und stets von unbefleckter Höflichkeit, selbst den frechsten Ganoven gegenüber.
Schon lustig: Dieses Loblied reichte nicht nur aus, um die Zensur einzulullen. Es war sogar hinreichend, um den Film ins offizielle Filmprogramm des Außenministeriums aufzunehmen, das ausgewählte Filme synchronisiert und an die Botschaften verteilt, die es dann ausgewählten Kultureinrichtungen zur Verfügung stellen (z.B. dem CKB, nicht jedoch Dr. Lehmanns kleinem aber feinem  Chinaclub).
Aber dann, unter der Oberfläche der Lobhudelei: Welch ein erschütterndes Bild der chinesischen Gesellschaft! Es gibt wohl keinen Film im jüngeren China, der den Kriminellen ähnliches Verständnis, ähnliche Empathie entgegenbringen würde. Der Film zeigt die Kleinkriminalität nicht nur als allgegenwärtig, sondern als unausweichlich, zeigt, dass sie angesichts der gigantischen sozialen Differenzen so zwangsläufig zum heutigen China gehört wie die Luft zum Atmen. Da liegt jemand im Krankenhaus, und das Wissen, dass jede schwere Krankheit, jeder schwere Unfall eine Familie in China ruinieren kann, ist so selbstverständlich, dass die Reaktion darauf - sich das Geld mit organisierten Diebstählen zu beschaffen - sogar von Musterpolizist Zhang nur achselzuckend zur Kenntnis genommen werden kann. Da ist die seltsame Moral der Bande, die Autounfälle provoziert: Sie würden, erklärt die Frau, nur Autos von reichen Leuten auswählen, und nie von Pekingern. Da ist der festgenommene Ganove mit seiner umwerfenden Philosophie, der erklärt: In China spielt jeder eine Rolle – wer ein Gesicht hat wie Zhang, spielt halt den Polizisten, und wer ein Gesicht hat wie er, der Festgenommene, kann nur den Ganoven spielen.
Da ist der plötzliche Wandel vom Täter zum Opfer: Eine Betrügerin, gerade erst festgenommen, erfährt über ihr Handy, dass ihre 4-jährige Tochter verschwunden ist, so dass plötzlich die gesamte Polizeieinheit mitsamt der Bevölkerung nach dem kleinen Mädchen sucht. Und doch kann keine Rede davon sein, dass hier Kriminalität romantisiert würde. Denn der Film zeigt auch, wie etwa aus einem Versuch, einem reichen Mann seine Tasche zu entreißen, ein Mord wird, wie leicht also Kleinkriminalität umschlagen kann in schweres Verbrechen.
Also ein Blick auf das heutige China, wie ihn in dieser Form kein anderer Film gezeigt hat. Wie gesagt: Absolut sehenswert!

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Sheng Huo De Ma La Song 生活的马拉松, (“Life's Marathon”), China 1987. Alltagsfilm-Klassiker von Ma Shaohui 马绍惠, mit Gao Weiqi 高维启, Yan Cheng 严诚, Wang Runsheng 王润身, Mao Yanhua毛燕华. 87 min, Chinesisch OHNE Untertitel. Altersempfehlung: ab 12 Jahre.

老年人的心境很昏暗。著名播音员刘时庭老伴去世,儿女不在身边,非常失落;老处 女韩冰一辈子都没找到合适的人;沈习灵,中年丧子,老年凄凉;老红军辛中原记忆 力衰退,总被退稿;退休职工叶童明不能原谅女儿的失足,孤身一人,只能自得其乐 …… 这些老人如今都在老年大学开始了新的生活。刚入学的时候,每个人都有股怪脾气, 韩冰想方设法引导大家走出狭小的个人世界。渐渐地,他们都慢慢变得开朗了。各位 老人也开始走出了以前的生活困境,也决心弥补以前的过失了 ...

Zu den Hinterlassenschaften der Kulturrevolution gehörte eine tiefgreifende Zerstörung des traditionellen chinesischen Beziehungsgeflechtes, insbesondere der Freundschaftsbeziehungen (denn jeder angebliche Konterrevolutionär brachte alle Freunde in denselben Verdacht). Doch je mobiler Chinas Gesellschaft wird, desto wichtiger wird die Rückgewinnung dieser Dimension sein. Das Bewusstsein dafür prägt auch diesen Film. Er zeigt Menschen in fortgeschrittenem Alter, die teils aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, teils nahestehende Personen verloren haben. Notgedrungen müssen sie neue Bekanntschaften außerhalb von Familie und Arbeitseinheit suchen. Die Chance dazu bietet sich in einer Abendschule für Erwachsene. Beim gemeinsamen Lernen kommen sie sich näher, finden neuen Kontakte und neue Lebensinhalte. Also ein Film, der auf milde Weise eine auch heute noch zentrale Problematik älterer Chinesen beschreibt – leider ohne Untertitel.

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SHENG CAI YOU DAO 生财有道 ("Ways to Make Fortunes ")
Komödie von Xie Tian, China 1984. Mit  Zhao Zhiyue, Chen Qiang, Ling Yuan, Ma Shuchao, Yu Li Song. 92 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 9 Jahre

Kommunismus war nach Marx "die auf den Sozialismus folgende Gesellschaft, in der das Privateigentum abgeschafft ist und die Produktionsmittel in Gemeineigentum überführt sind". Für Lenin hingegen war das Wichtigste die Herrschaft der Partei. Mao wollte beides und führte Chinas Wirtschaft in den Ruin und das Land in die Katastrophe. Deng Xiaoping zog daraus die geniale Schlussfolgerung, Marx und Mao auf den Müll zu werfen, aber Lenin zu behalten. Seitdem gilt seine Definition: "Kommunismus in China ist Kapitalismus plus Herrschaft der Kommunistischen Partei". Das überall umzusetzen war nicht ganz leicht, schon gar nicht auf dem Land. Auf den Problemen, die sich daraus ergeben, beruht die Komödie von Xie Tian.
Das Ganze spielt in einem Dorf, Anfang der 80er-Jahre. Die Volkskommunen sind aufgelöst, die Schrecken der Kulturrevolution vergessen. Jede Familie hat wieder ihre eigenen Felder und ihr eigenes Einkommen, und alle wollen reich werden. Aber wie wird man reich? Die Frage führt zum Konflikt, als eine Verlobung verkündet werden soll: der Sohn von Li Laoda mit der Tochter von Ren Baole. Beide Väter möchten das junge Paar auf ihrem eigenen Hof haben, um von ihrer Arbeitskraft zu profitieren. Weil man sich nicht einigt, geht die Verlobung in die Brüche. Ren Baole kauft mit dem Geld, das er für die Hochzeit der Tochter ausgeben wollte, einen Traktor. Li Laoda hingegen versucht, den Sohn an die hässliche Tochter eines reichen Bauern zu verkuppeln. Doch der Weg des Ren Baole erweist sich als erfolgreicher. Sogar Li Laoda muss die Dienste seines Traktors in Anspruch nehmen. Das überzeugt ihn davon, nun doch der Heirat des Sohnes mit der Tochter des Konkurrenten zuzustimmen. - Es versteht sich von selbst, dass die überaus tiefe Weisheit des Großen Vorsitzenden in diesem Film mit keinem Wort erwähnt wird (Mao 1949: "Ohne die Vergesellschaftung der Landwirtschaft kann es keinen gefestigten Sozialismus geben"). Schwamm drüber – ist schließlich eine Komödie!

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SHENG XIA GUANG NIAN  盛夏光年 ("Eternal Summer")
Beziehungsdrama von Leste Chen, Taiwan 2006. Mit Joseph Chang, Bryant Chang, Kate Yeung. 95 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Es beginnt in der Grundschule: Jonathan ist Musterschüler und Klassensprecher, Shane dagegen ein Außenseiter, der immer wieder Ärger macht. Mit dem Auftrag, ihn zu "erziehen", setzt die Lehrerin Jonathan neben ihn. Das wird der Anfang einer immer tiefer werdenden Schülerfreundschaft. - Dann der Sprung in die letzte Klasse:  Carrie, eine selbständige junge Frau (auch sie in gewisser Weise eine Außenseiterin) verliebt sich in Jonathan. Sie verführt ihn, doch Jonathans Gefühle bleiben ambivalent. So wendet sie sich - einstweilen ohne es Jonathan zu sagen - Shane zu. Sehr chinesisch erklärt sie ihm: Wenn er die Aufnahmeprüfung für die Uni besteht, wird sie seine Freundin. Tatsächlich spornt das Shane an, genau das zu erreichen. Bei Jonathan jedoch läuft es umgekehrt: Zerrissen von der Frage, wen er wirklich liebt (oder, akademisch gesprochen: die Frage nach seiner sexuellen Identität) fällt er durch die erste Prüfung. Eine kurze sexuelle Episode mit Shane bringt ihn vollends durcheinander, und so fällt er auch durch die Nachprüfung. Zum Schluss fahren Shane, Jonathan und Carrie gemeinsam ans Meer, um in einem dramatischen Showdown ihre Beziehung zu klären. Der Ausgang bleibt offen.
Ein chinesisches "Jules und Jim" ist daraus nicht geworden. Auch die Idee einer dauerhaften Dreierbeziehung kommt hier keiner der drei Hauptfiguren - warum eigentlich nicht? Aber das zu fragen ist natürlich unfair gegenüber einem Regisseur, der diesen Film mit gerade einmal 25 Jahren gedreht hat. So ist es eine sensible, sehr chinesische Studie über die emotionale Seite einer Schulzeit, die nach dem Willen von Eltern und Politikern am liebsten eine Zeit fleißiger Geschlechtslosigkeit sein sollte.

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Sheng Zhe Wei Wang  剩者为王 ("Last Woman Standing")
Romantische Komödie von Luo Luo, China 2015. Mit Shu Qi 舒淇, Eddie Peng 彭于晏, Pan Hong. 92 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Im Mittelpunkt der Story steht Sheng Ruxi (Shu Qi), eine ebenso schöne wie beruflich erfolgreiche Frau. Allerdings ist sie schon über dreißig und immer noch nicht verheiratet - in China ein Zustand, der bei Freunden Sorgen und bei Eltern Panik erzeugt. Sie selber schwankt zwischen Freiheitsliebe und kindlichem Gehorsam, und sie leidet sie darunter, dass um sie herum laufend jemand heiratet. Die Eltern wollen sie mit dem langweiligen Arzt Dr. Bai verkuppeln, dann aber verliebt sie sich in den jungen Ma Sai (Eddie Peng). Und der ist erstens einer ihrer Untergebenen, zweitens fünf Jahre jünger als sie.

Ältere Frau, jüngerer Mann ... den Eltern gehorchen, oder ein eigenes Leben führen ... als Frau eine Liebe gestehen, oder auf den Mann warten ... es sind durchaus interessante Fragen, die der Film aufgreift. Leider tut er das mit so vielen Klischees, dass man schnell merkt: Wieder ein Film, der vor allem die Attraktivität von Shu Qi ausnutzt (ihr Mund dabei geradezu grotesk geschminkt), und der dabei mit ihrer Biografie und ihrem Image spielt.
Chinesische Zuschauer wissen natürlich, dass der Konflikt im Film auch der von Shu Qi selber ist. Zum einen wird sie - eine der schönsten, wenn nicht die schönste Frau des neueren chinesischen Kinos - in wenigen Wochen 40 (geboren in Taipeh am 16. April 1976). Zum andern ist sie, was das Heiraten angeht, lange gegen den chinesischen Strom geschwommen. Im Blick auf die unglückliche Ehe ihrer Eltern erklärte sie immer wieder, Heirat und Ehe seien Zeitverschwendung - und nun lauern ihre Fans darauf, ob sie als 40-Jährige vielleicht von dieser Haltung abrücken wird.
So zeigt auch dieser Film einmal mehr das Drama, wenn nicht die Tragödie der Shu Qi: Als sie populär wurde, hatten Chinas größte Regisseure (erst Leute wie Wu Tianming oder Wu Yigong, dann Zhang Yimou, Chen Kaige, Tian Zhuangzhuang) ihre besten Zeiten schon hinter sich. Und die Epigonen, die heute die Szene bestimmen, haben von Ausnahmen abgesehen (etwa "Fei Cheng Wu Rao 非诚勿扰" von Feng Xiaogang, mit Ge You als kongenialem Filmpartner) nur minderwertige Rollen für diese Ausnahmeschauspielerin - so leider auch in "Last Woman Standing". Für westliche Augen ist z.B. der Kult, der hier um den Fetisch "Brautkleid" getrieben wird, nur peinlich - als wären Chinas B-Filme der Müllabladeplatz für den abgelegten westlichen Filmkitsch der 50er- und 60er-Jahre.

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Shi Er Gong Min  十二公民 („12 Citizens“)
Gerichts-Drama (Vorlage: „Die 12 Geschworenen“) von Xu Ang, China 2014. Mit He Bing, Ban Zan, Gao Dongping, Zhao Chunyang. 103 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Endlich!, möchte man ausrufen - endlich ein zeitgenössischer chinesischer Film über ein Gerichtsverfahren. Allerdings ist dies ein ungewöhnlicher Prozess. Es handelt sich nämlich um die chinesische Adaptation von „12 Angry Men“ (deutsch: „Die zwölf Geschworenen“), dem US-Fernsehspiel von Reginald Rose, das in der Filmversion von Sidney Lumet 1957 berühmt wurde.
Da es in China kein Geschworenensystem wie in den USA gibt, bedient sich der Film eines besonderen Rahmens: Jura-Studenten verhandeln als Teil ihres Examens öffentlich einen Mordfall - und 12 Angehörige, die das im Publikum verfolgt haben, sollen in Form einer Jury entscheiden, ob das Verdikt der studentischen Richter Bestand hat.
Wie in den USA gilt auch hier: Die 12 Jury-Mitglieder müssen einstimmig entscheiden. Am Anfang sehen die meisten das lediglich als Formsache, denn die Schuld des Angeklagten scheint offenkundig. Doch der Geschworene Nr. 8 äußert Zweifel, und die Diskussion beginnt. Wie in der Vorlage zeigt sich auch hier, dass die scheinbare Objektivität der Jurymitglieder in Wahrheit tief von den eigenen Erfahrungen und Vorurteilen bestimmt ist. Es kommt zu heftigem Streit, Hassausbrüchen, beinahe zu Tätlichkeiten. Am Ende steht dasselbe Ergebnis wie in der Vorlage - und damit die Bestätigung einer in China keineswegs selbstverständlichen Position: Dass nämlich das bloße Faktum eine Anklage in keiner Weise die Schuld des Angeklagten beweist.
Ganz am Schluss eine hübsche Pointe, die in der Vorlage nicht enthalten ist. Da stellt sich heraus, wer der zweifelnde Geschworene Nr. 8 in der Realität ist: nämlich Generalstaatsanwalt - was niemand der Jury-Mitglieder wusste. Das lässt den Schluss zu, dass der Staatsanwalt im chinesischen Rechtssystem offenbar völlig außerhalb der Öffentlichkeit agiert.

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SHI GU  失孤 ("Lost and Love")
Drama/ Road Movie von Peng Sanyuan, VR China/Hongkong 2015. Mit Andy Lau und Jing Boran. 99 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Es gibt einige Übel, die das neue China vom alten übernommen und in keiner Weise überwunden hat. Dazu gehören neben der allgegenwärtigen Korruption und dem Fehlen einer solidarischen Krankenversicherung das Problem von Kindesentführung und Kinderhandel. Schon "Xiao Wanyi" von 1933 ("Little Toys", mit der großen Ruan Lingyu in der Hauptrolle) schildert die Tragik einer Mutter, die an der Entführung ihres Sohnes zugrunde geht. Dasselbe Thema greift auch der Erstlingsfilm der Regisseurin Peng Sanyuan auf, und zwar in einem optisch eindrucksvollen chinesischen Road Movie.
Im Mittelpunkt steht Lei Zekuan: ein Bauer aus Anhui, dessen Sohn vor 14 Jahren als Zweijähriger entführt wurde. Seitdem fährt der verzweifelte Vater mit einem Motorrad durch China. Am Gepäckträger wehen Fahnen mit aufgedruckten Bildern seines eigenen und anderer entführter Kinder. Wo immer er hält, verteilt er Zettel, die zur Mithelfe aufrufen. Dass es kaum Hoffnung für ihn gibt, weiß er. Aber wenn er die Suche aufgeben würde, könnte er nicht mehr leben.
Für einen Bauer eher ungewöhnlich, ist dieser Vater auch unterwegs über PC und Internet in Kontakt mit zahlreichen lokalen Initiativen, die sich gegenseitig mit Hinweisen zu entführten oder gesichteten Kindern unterstützen. Doch erst als Lei Zukuan den 19-jährigen Zeng Shuai trifft, nimmt der Film eine Wende. Der junge Mann kam offenbar selber als entführtes Kind zu der Familie, in der er aufgewachsen ist. Interessant dabei seine persönliche die Perspektive: Weil er keine Geburtsurkunde hat, kann er weder einen Ausweis bekommen noch Zugfahrkarten oder Flugtickets kaufen. Also schließt er sich Lei Zekuan an, um nach seinen Eltern zu suchen - anders als Lei Zekuan am Ende mit Erfolg.
Wie angesichts der chinesischen Filmzensur nicht anders zu erwarten, wagt es dieser Film nur andeutungsweise, Kritik am staatlichen Umgang mit dem Thema zu äußern. Grund für solche Kritik gäbe es genug, denn kaum eines von hundert entführten Kindern wird gefunden. Auch dass die staatlichen Stellen keinerlei Statistiken zu diesem sensiblen Thema veröffentlichen, ist skandalös - wie denn überhaupt die bloße Existenz dieses Phänomens ein Armutszeugnis für jene sich "kommunistisch" nennende Partei ist, die China seit nunmehr 66 Jahren beherrscht.
Bewundernswert ist die Darstellung des Lei Zekuan durch Superstar Andy Lau. Vermutlich reizte es ihn nach so vielen Heldenrollen, einmal ohne jegliche Starallüren einen armen Bauern darzustellen. Den spielt er bis zuletzt mit äußerster Zurückhaltung, bescheiden bis zur Unterwürfigkeit, auffällig nur durch seine unerschütterliche Beharrlichkeit. So glaubwürdig verkörperte Andy Lau diese Figur, dass er bei den Filmarbeiten - wenn er sich gelegentlich vom Set entfernte - nicht nur nicht erkannt, sondern sogar von Passanten beleidigt und von Polizisten drangsaliert wurde.

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SHI HUN  失婚 ("Soul")
Psychothriller von Chung Mong-Hong, Taiwan 2013. Mit Jimmy Wang Yu, Joseph Chang Hsiao-chuan, Chen Hsiang-chi. 111 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

2008 kam der Film "Parking 停车" von diesem Regisseur in die Kinos: ein beeindruckender, in einer einzigen Nacht spielender Film mit immer neuen Verwicklungen, ausgehend von einem zugeparkten Auto. In "Soul" (失婚 wörtlich: "Verlorene Seele") von 2013 versucht  er sich im Genre des Psychothrillers. Dabei bedient er sich der chinesischen Vorstellung, dass die Seele eines soeben Verstorbenen von anderen in der Nähe befindlichen Körpern Besitz ergreifen könne - siehe z.B. Zhu Bajie, der als Begleiter des Affenkönigs Sun Wukong und des Mönchs Xuanzang in einem Schweinekörper steckt.
Es beginnt in einem Restaurant in Taipei. Der Koch A-Chuan ist gerade beim Zerlegen eines Fisches, als er zusammenbricht. Er macht einen verwirrten Eindruck, also bringen ihn Kollegen zu seinem Vater, der in einer entlegenen Bergregion Orchideen und Obst züchtet. Doch der Kranke erkennt weder den Vater noch seine ältere Schwester. Er meint, A-chuan habe seinen Körper verlassen, und er, ein Fremder,  habe den Körper in Besitz genommen. Die Schwester fürchtet sich vor dem Zurückgekehrten, woraufhin der Vater sie kritisiert und verlangt, sie solle sich im Haus um den Bruder kümmern. Doch als der Alte ins Haus zurückkommt, hat der Sohn die Schwester erstochen, mit der Begründung, sie habe ihm "etwas antun wollen".
Von nun an zeigt sich, dass die wahre Hauptperson des Filmes nicht der Besessene ist, sondern der Vater. Wortlos versteckt dieser den Leichnam der Tochter, während der Dorfpolizist (ein alter Schulkamerad von A-Chuan) an die Tür klopft. Und als der Schwiegersohn Tage später nach seiner Frau sucht, erschlägt der Vater auch diesen, leiht sich einen Bagger, hebt eine Grube aus und begräbt dort den Schwiegersohn samt Auto. Den Sohn sperrt er in eine Hütte, aber im Grunde im gegenseitigen Einverständnis. In traumartigen Sequenzen werden Hintergründe und Abgründe sowohl des Vaters als auch des Sohnes angedeutet, ohne jedoch in einer echten Erklärung zu münden. Als dann zusammen mit dem Dorfpolizisten ein Kriminalbeamter aus der Stadt eintrifft, kommt es zum Showdown. Der Beamte stirbt, der Sohn wird angeschossen, dem Dorfpolizisten raubt eine per Katapult geschossene Murmel ein Auge. Die Schuld für alles nimmt der Vater auf sich, der dafür verurteilt und auf eine Psychiatrie verlegt wird. Am Ende scheint die Seele des A-Chuan wieder in den Körper zurückgekehrt sein: der Sohn besucht den Vater in der psychiatrischen Anstalt und versöhnt sich mit ihm.
Trotz gelegentlicher Kritik an einigen Aspekten der Story stimmen die meisten Rezensenten darin überein, dass der junge Regisseur zu einer eindrucksvollen Bildsprache gefunden hat, die dem Film Spannung verleiht, ohne zu oberflächlichen Horror-Mätzchen Zuflucht zu nehmen. Und der inzwischen 72-jährige Jimmy Wang Yu, der in jüngeren Jahren als Martial-Arts-Darsteller glänzte und 2011 mit eisernem Training die Folgen eines Schlaganfalls überwand, erhielt für seine Rolle in "Soul" den Preis als "Best Actor" auf dem 15. Taipei Film Festival.

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Shi Jian Dou Qu Na Le  时间都去哪了 ("Where Are All The Time")
Drama/Romanze von Che Jingxing, China 2015. Mit Chiao En-chun, Dylan Kuo, Yang Zi. 97 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Keine Stadt symbolisiert den aktuellen Zustand des modernen China besser als Shenzhen: ein boomender Koloss voller Geld, Industrie, Hightech und Wolkenkratzer, aber ohne echte Tradition und lebendige, d.h. im Bewusstsein der Bürger lebende Geschichte.
In dieser Stadt also spielt dieser Film, dessen Titel (zumal die missglückte englische Übersetzung) nach tiefer Vergänglichkeit klingt. Doch das meint nicht etwa Zeiten seit etwa 1966 oder gar 1949, sondern gerade einmal (von einem kindlichen Vorspiel abgesehen) die Zeit seit 2003 bzw. 2008. Im Mittelpunkt stehen der ernsthafte Yao Yuan und seine unerfüllte Liebe zu Lin Yutong. Die traf er das erste Mal als Kind, und zwar mit SARS im Krankenhaus liegend. Als Student trifft er sie wieder, da studiert er Architektur und sie Musik. Als er seinen ersten Job hat, wollen sie ohne Zustimmung der Eltern heiraten. Doch auf dem (getrennten) Weg zum Standesamt geht alles schief: Lin Yutong vergisst ihre Geburtsurkunde, kehrt nachhause zurück und vergisst dort ihr Handy. Yao Yuan erhält einen Anruf vom Chef, dass er sofort nach Afrika fliegen muss. Als er nach drei Monaten zurückkommt, ist Yutong unauffindbar. Er erzählt seine Liebesgeschichte einer anderen Frau, die sich daraufhin in ihn verliebt ...  Wie es weitergeht, zeigt dieser Film
Also eine moderne chinesische Love Story: Junge Leute, die von wahrer Liebe träumen und hohe Ziele haben, in denen allerdings jedes Fünkchen Politik oder gesellschaftliches Denken wie mit einem Brenneisen ausgelöscht ist. Mit einem Wort, die Skyline von Shenzhen als Liebesgeschichte erzählt.

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SHI QI SHI DAI  石器时代 ("Lucky Dog")
Komödie von Wang Song, China 2013. Mit Hayama Go, Huang Lu, Bryan Leung. 84 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Kleine Filme wie dieser haben es in China naturgemäß schwer. Denn was dem Land nach wie vor fehlt, ist  eine echte Breitenkultur. Dieser flapsige Film mit seinen Slapstick-Elementen gehört sicher nicht in die großen Filmpaläste in Peking oder Shanghai, wo ein Ticket den Tageslohn eines Bauarbeiters kostet. Sein Ort wären Vorstadtkinos oder kleine Programmkinos, also genau das, was es in China NICHT gibt. Kein Wunder also, dass der Film im Reich der Mitte nur kurz gezeigt wurde und gleich wieder verschwand.
Beruhend auf dem Roman "The Stone Age" von Han Mengze, ist er wie viele der neueren chinesischen Produktionen mit seinen schnellen Schnitten stark vom Werbefilm geprägt. Auch die allgegenwärtigen Computerspiele finden hier ihre optischen Reflexe. Und wie derzeit alle jungen chinesischen Filmhelden, so ist auch der junge Li Lin davon besessen, aus seinem Leben etwas Besonderes zu machen. Also gründet er ein Detektivbüro. Als erste Aufträge findet er einen Hund, danach einen Ehebrecher auf frischer Tat. Von nun an endet der Bereich der Logik und geht über in eine wilde Mischung aus virtuoser Welt und Science Fiction: Li Lin, von einem aufgeputzten Manager engagiert, passiert eine Schleuse und befindet sich in einer virtuellen Steinzeit-Welt, wo er den Chef eines Elektronik-Konzerns suchen soll. Eine Frau spielt auch eine Rolle, alle laufen in groben Fetzen herum, aber damit hat es sich im Grunde auch schon mit den Steinzeit-Attributen, zumal den ganzen Film über ein Trupp in neuzeitlichen Uniformen durch die Landschaft eilt. Natürlich findet sich der gesuchte Direktor, und alles endet mit der Verteilung seiner Millionen, wobei der coole Detektiv reich bedacht wird. – Eine überwiegend amüsante, alles in allem anspruchslose Fingerübung eines jungen Regisseurs, der hoffentlich von Stephen Chow lernen und in seinem nächsten Film bessere Gags und eine schlüssigere Story präsentieren wird.

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Shi Wu De Yue Liang 十五的月亮,"Full Moon", Drama von Li Xin 李新, China 1986. 100 min, Chinesisch OHNE englische Untertitel. Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

方小妹和某部连长袁少林是一对恋人。袁少林接到命令赶赴前线。小妹就主动搬进袁 家,照顾孤身一人的袁母。叶主任的女儿田静一次去前线慰问回来后抱怨:找军人就 等于守活寡,于是抛弃了原来的军人男友方华,与电视台的记者吴安频频约会。方华 和袁少林在前线浴血奋战,方华壮丽牺牲,袁少林从他的口袋里找到田静的绝交信。 田市长决定在电视上播放前线将士英勇战斗的录像,以此教育全市人民。在全市人民 热烈欢迎老山英雄报告团的大会上,方小妹深情地望着坐在轮椅上的袁少林。

Ein Film aus den glorreichen 80-er Jahren - also aus jenem einen Jahrzehnt nach 1949, in dem viele Filme die Darstellung realer gesellschaftlicher Konflikte wagten, und zwar nicht nur im Kaiserreich oder der Republikzeit, sondern im China der (Film-)Gegenwart.
Hier nun, in der Mitte der 80er-Jahre, steht auf der einen Seite eine neue Generation, die das Leben mit Konsum und Vergnügen genießen möchte, einschließlich Tanzen und romantischer Musik. Auf der anderen Seite sind da jene Teile der Gesellschaft, von denen erwartet wird, dass sie für die Gesellschaft Opfer bringen, zumal als Soldaten wie die Offiziere Yuan Shaolin and Fang Hua. Letzterer liebt Tian Jing, die Tochter des Bürgermeisters. Doch als er zu Gefechten an der Grenze abkommandiert wird, distanziert sich Tian Jing immer mehr von ihm – bis sie ihm gerade dann, als er schwer verletzt wird, die Trennung mitteilt … leider ohne englische, jedoch mit großen chinesischen Untertiteln.

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"Crossroads" 十字街头 (Shi Zi Jie Tou), China 1937. Drama von Shen Xiling 沈西苓, mit Bai Yang 白杨 und Zhao Dan 赵丹. Schwarzweiß, 104 min, Chinesisch mit (PC-generierten) englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

这部电影描写中国20世纪30年代四名大学毕业生:老赵、阿唐、刘大哥和小徐的奋斗 人生。故事以他们的奋斗人生为主线,并且包含了一些浪漫情节。老赵(赵丹 饰)对生活充满信心,他在报馆找到一个校对职位;阿唐(吕班 饰)是个乐天派,他在商店找到一个布置橱窗的工作;刘大哥(沙蒙 饰)是个性格刚毅、有所作为的青年,在民族危亡的关头,回北方家乡参加抗击侵略 者的斗争;小徐(伊明 饰)意志消沉懦弱,因为找不到工作而企图自杀,被救起之后返回家乡。老赵与一个 住在后楼的在纱厂当教练员的姑娘杨芝瑛(白杨 饰)相爱了,但由于她上班的时间和老赵正好岔开,所以之前很久两人都不认识。然 而,随着抗日战争的扩大,意志消沉的小徐最终还是自杀了,而另外的三个朋友开始 重新审视自己的人生。他们在混乱的人群中相遇在十字街头,继续坚定的向着前方迈 进。。。

Einer der größten Filme der Republikzeit, inzwischen über 80 Jahre alt. 1937, das Jahr seiner Entstehung, war ein Schlüsseljahr für China: die Wirtschaft in der Krise, im Nordosten die Besetzung durch die Japaner, überall im Land der Aufschwung der kommunistischen Bewegung. Vier junge Männer, die gerade ihr Hochschulstudium beendet haben, suchen ihren Weg. Einer findet einen Job bei einer Zeitung und verliebt sich in eine Nachbarin. Der zweite resigniert, geht zurück aufs Dorf und begeht am Ende Suizid. Der dritte wird Schaufensterdekorateur. Der vierte schließt sich dem Kampf gegen die Japaner an. Alles in allem ein eher pessimistisches Panorama der damals vorhandenen Alternativen. - Der Regisseur selber starb im Alter von 36 Jahren in Chongqing bei einem Bombenangriff.

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SHUI HU ZHUAN 水浒传 ("Water Margin")
Shaw Brothers, Hongkong 1972. 125 min, mit David Chiang, Ti Lung, Ku Feng, Tetsuro Tanba. Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Das "Shui Hu Zhuan" ("Die Räuber vom Liangshan-Moor") ist DER chinesische Volksroman. Die 108 Rebellen und ihr Anführer Song Jiang sind die heroische Projektion der Chinesen von sich selber: Helden, die jede Ungerechtigkeit bekämpfen und die sich bedenkenlos mit den korrupten Beamten und den Reichen anlegen. (Die Realität sieht natürlich anders aus: Hier herrscht das Prinzip der Nicht-Einmischung in fremde Angelegenheiten "Bu Yao Guan Xian Shi" 不要管闲事).
Handlung und Helden des kolossalen Romans sind so komplex, dass Spielfilme immer nur einzelne Episoden davon darstellen können. Das gilt auch für diesen klassischen Film der Shaw Brothers. Konkret geht es hier darum, dass Chao Gai, einer der Anführer der Rebellen, einem Hinterhalt zum Opfer gefallen ist. Um ihn zu rächen und den verbrecherischen Gouverneur Liang zu bestrafen, müssen sie erst den heldenhaften Kämpfer Lu Junyi auf ihre Seite ziehen. Das übernimmt Wu Yong, der große Stratege, zusammen mit dem impulsiven Li Kui. Sie werden gefangengenommen, jedoch von Lu Junyi freigelassen. Dieser aber wird durch Verrat seiner Frau und seines Haushälters eingekerkert. Nachdem ihn die Rebellen befreit haben, schließt er sich ihnen an. Dass dies erst nach heißen Kämpfen gelingt, in denen alle Arten von Kampfkunst zelebriert werden, versteht sich von selbst.

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SHUI HU ZU QIU 水壶足球 ("Shui Hu, the Soccer Heroes")
Animationsfilm, Hongkong 2006. 83 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 4 Jahre

Der Handlungsrahmen der "Räuber vom Liangshan-Moor" dient hier als Hintergrund für ein fiktives Fußballturnier zwischen einer Palast-Mannschaft und einer Mannschaft von Underdog-Kickern. Die Idee ist im übrigen gar nicht so weit hergeholt wie es scheinen könnte. Denn auch im klassischen "Shuihuzhuan"-Roman beginnt die Story damit, dass ein mieser kleiner Straßentyrann, der zufällig gut mit einem Fußball jonglieren kann, damit die Aufmerksamkeit des Kaisers erringt und danach unaufhaltsam in der Palasthierarchie aufsteigt. Allerdings werden die Hintergründe in diesem Film, der nichts anderes sein will als eine harmlose Kinderbelustigung, nicht weiter vertieft.

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Si Da Ming Bu 四大名捕 ("The Four"), China 2012. History-Actionfilm von Gordon Chan 陈嘉上 und Janet Chun, mit Deng Chao 邓超, Liu Yifei 刘亦菲, Anthony Wong 黄秋生. 117 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

巍巍京城,气势磅礴。时有捕神(成泰燊 饰)率领的六扇门,高手云集, 作风凌厉,成为朝廷只手遮天的人物。 是时京城伪造铜币泛滥, 六扇门头号捕快冷血 (邓超 饰)策划抓捕疑犯, 结果在醉月楼与另一组人马大打出手。 对方是诸葛正我(黄秋生 饰)统领的神侯府, 手下更有无情 (刘亦菲 饰)、铁手(邹兆龙 饰)等身怀绝技的高手。 捕神对神侯府的目的颇有猜疑,遂假意赶走冷血, 令其潜入神侯府调查诸葛之真实目的。 在此之后,冷血与无情、 铁手以及江湖中人追命(郑中基 饰)组成四大名捕, 声名显赫, 而来自六扇门的姬遥花(江一燕 饰 )似乎又暗藏不可告人的秘密与阴谋 。。。

Der Vogel träumt nicht vom Fliegen, und der wahre Held nicht von Heldentaten, sondern vom friedlichen Sonnenuntergang. Damit beantwortet sich die Frage, wovon angesichts Partei-Allmacht und Zensur-Allgegenwart Chinas Filmvolk träumt: Na klar, vom Heldentum, immer und immer wieder. Allerdings nie gegenüber Zensur oder Partei, sondern lieber weit weg in Chinas ruhmreicher Geschichte. Hier nun ist es die Song-Dynastie, in der Böses geschieht, nämlich immer mehr Falschgeld - lustigerweise nicht Silber-Taels, sondern gefälschte Kupfermünzen. Zwei Institutionen versuchen, dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Zum einen die "Abteilung 6", sozusagen das Bundeskriminalamt der Song-Dynastie. Daneben gibt es eine kleine Elite-Einheit, die "Göttlichen Konstabler", die vom kaiserlichen Prinzen mit höchsten Vollmachten ausgestattet sind.
Außer dem Meister Zhuge Zhengwo (Anthony Wong 黄秋生) sind das 4 Helden, jeder mit exquisiten Kampfkunst-Talenten – die schöne, im Rollstuhl sitzende "Wu Qing" (= "Heartless", Liu Yifei 刘亦菲)  sogar mit dem Talent, Gedanken lesen zu können. Der Held ColdBlood (Deng Chao 邓超), der in Wu Qing verliebt ist, arbeitet eine Zeitlang für beide Institutionen, obwohl der Chef der "Abteilung 6" nicht nur die Verbrecher erledigen möchte, sondern auch die ungeliebten "Göttlichen Konstabler". Doch An Shigeng, der Kopf der Verbrecher (und mächtiger als der Münz-Minister), verfügt über besondere Qigong- und Gongfu-Kräfte, die er gewissenlos einsetzt. Aufwendig choreographierte Kampfszenen verstehen sich da von selbst. Zum Schluss (auch das versteht sich von selbst) gewinnen natürlich die Guten; Held ColdBlood findet sogar die Liebe.

=================================================================== SI REN DING ZHI  私人订制 ("Personal Tailor")
Satirischer Episodenfilm von Feng Xiaogang, China 2013. Mit Ge You, Bai Baihe, Li Xiaolu, Kai Zheng. 114 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

1989 wurde Ge You mit dem Film "The Troubleshooters" (Wan Zhu 顽主) von Mi Jiashan bekannt. Vier Arbeitslose gründen hier eine Firma, die alle möglichen und unmöglichen Arbeiten erledigt. Diese Idee griff Feng Xiaogang 1997 in "Dream Factory" (Jia Fang Yi Fang 甲方乙方) auf: Ein Team abgehalfterter Filmleute bietet reichen Leuten an, für einen Tag ihre Wunschträume in Form eines Kinosettings zu verwirklichen. Das ist im Kern auch der Handlungsrahmen von "Personal Tailor": Auch hier können reiche Leute ihre Phantasien filmartig inszenieren lassen. Was als pure Comedy beginnt, gewinnt im Verlauf des Films an Tiefe und wird (in Maßen) sozialkritisch, wobei korrupte Beamte, das Leben der Superreichen und die Umweltzerstörung in China thematisiert werden. Eine grundlegende Systemkritik darf man allerdings weder von Feng Xiaogang noch von seinem Drehbuchschreiber Wang Shuo erwarten. Dennoch war auch diese Produktion (wie zuletzt alle von Feng Xiaogang) in China eine der erfolgreichsten des Jahres - mit einer erneuten Paraderolle für Ge You, versteht sich.

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SOU SUO 搜索 ("Caught in the Web")
Von Chen Kaige, VR China 2012. 125 min, mit Gao Yuanyuan, Wang Xueqi, Chen Hong, Yao Chen. Chinesisch OHNE UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Chen Kaige ist zurück - endlich! Viele dachten schon, er würde sich für immer hinter historischen Themen verstecken. Sie alle widerlegt sein neuestes Werk, in dem er sich eines zentralen Problems des heutigen China annimmt.
Auf der einen Seite stehen dort entsetzliche Bilder, wie sie vor einiger Zeit die Welt erschütterten: Da wurde auf der Straße ein Kind erst angefahren, dann mehrmals überfahren - und keiner der vielen Passanten rührte eine Hand, um es von der Fahrbahn zu ziehen, geschweige denn ins Krankenhaus zu bringen. Kein Wunder, denn jeder weiß: Erstens hätte kein Krankenhaus das Kind ohne sofortige Bezahlung aufgenommen. Zweitens wäre jeder Helfer in Gefahr, von gierigen Verwandten und bequemen Richtern am Ende die Schuld an dem Unfall aufgeladen zu bekommen.
Auf der anderen Seite gibt es dort, wo man einen Schuldigen ausfindig machen kann (oder das zumindest glaubt), Fälle von brutaler öffentlicher Hexenjagd. So ging es beispielsweise dem Basketballspieler Yao Ming, als er nach dem Wenchuan-Erdbeben nur einige zehntausend Dollar spendete, Jackie Chan aber eine Million. So geht es in dem Film von Chen Kaige einer jungen Frau, die sich weigert, im Bus einem älteren Mann ihren Sitzplatz zu räumen. Zufällig wird das Ganze per Handy gefilmt; wenig später landet es in Fernsehen und Internet. Es beginnt eine erbarmungslose Hetze, die nicht nur die junge Frau zugrunde richtet, sondern auch andere Menschen in ihren Strudel zieht. Keiner weiß (und keinen interessiert es), warum die Frau nicht aufgestanden war: sie hatte gerade von ihrem Arzt die Diagnose erfahren, an einem vermutlich unheilbaren Lymphdrüsenkrebs zu leiden. Am Schluss ist die Frau tot, Beziehungen sind zerbrochen, Existenzen sind in den Abgrund gestürzt - ein bemerkenswertes Comeback des Altmeisters Chen Kaige.

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Suan Ba La Lao Dou 算吧啦老豆 ("The Way We Were")
Komödie von Lau Kin-Ping und Hui Shu-Ning, Hongkong 2011. Mit Liu Kai-chi 廖启智  und Fiona Sit 薛凯琪. 103 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Liu Kai-Chi spielt in den meisten seiner Rollen unauffällige Normalbürger, auch hier: Cheong Kwai ist ein Mann im mittleren Alter, mit einer inzwischen erwachsenen Tochter (Fiona Sit). Er arbeitet als kleiner Verkäufer in einem Supermarkt, und er merkt, dass sich seine Tochter immer mehr von ihm entfernt. Das ist kein Wunder, denn seine Gedanken stecken in der Vergangenheit: Vor Jahren hat er einmal eine Nebenrolle in dem Film "Der (Shanghaier) Bund" gespielt. Nun träumt er von einem Remake, in dem er der alleinige Held ist. Die Umstände lassen ihn einen Geldgeber finden, der diesen Film mit ihm drehen will, doch dann geht alles schief, und eine Unachtsamkeit lässt das Filmstudio abbrennen ... während seine Tochter mit einem Mann zusammen ist, den der alte Kwai nicht ausstehen kann.
Eine freundliche Komödie mit vielen unerwarteten Wendungen, aber nicht ohne Tiefgang.

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SUI YUE WU SHEN 岁月无声 ("Time Flies Soundlessly")
Von Zhou Xu, VR China 2012, 93 min. Mit Fan Zhiwei, Ma Sichun und Gan Wei. Chinesisch OHNE Untertitel. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Wieder einmal gibt es Gelegenheit zu einer jener Entdeckungen, die das chinesische Kino so interessant und liebenswert machen: ein Low-Budget-Debütfilm eines unbekannten, aber hochbegabten jungen Regisseurs.
Geschildert wird die Geschichte dreier Freunde in einer Stadt in Nordchina Anfang der 90er Jahre: Ma Weiguo, Tietou und Si Hua besuchen die letzten Klasse der Oberschule. Insbesondere Ma Weiguo ist eine Art enfant terrible, der mit den Lehrern und seiner Familie ständig Probleme hat. Eine neue Schülerin namens Duoduo kommt in die Klasse, und Ma Weiguo verliebt sich sofort in sie. Als sie mit dem Sportlehrer anbändelt und von diesem schwanger wird, wollen die drei ihm eine Lehre erteilen und verletzen ihn dabei schwer. Ma Weiguo, der die Schuld allein auf sich nimmt, landet im Gefängnis - erst für fünf Jahre, und danach, aufgrund eines Kampfes unter den Häftlingen, für weitere vier Jahre.
Als er entlassen wird, hat sich China verändert. Seine alten Kumpane sind wohlhabend geworden, er aber muss sich als Vertreter für Reinigungsmittel durchs Leben schlagen. Er trifft Duoduo wieder, die Tänzerin geworden war und nach einem Sturz von der Bühne gehbehindert ist. Sie heiraten, und als sich herausstellt, dass sie aufgrund der damaligen Abtreibung keine Kinder mehr bekommen kann, adoptieren sie eine Tochter. Ihre Situation bessert sich, doch dann erkrankt Duoduo an Krebs und stirbt. Ma Weiguo zieht die Adoptivtochter allein auf - um am Ende mitzuerleben, wie sie sich ähnlich von ihm entfremdet wie damals er selber von seinen Eltern.
Ein schöner, nachdenklicher Film.

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Tai Bei Piao Xue 台北飘雪 "Snowfall in Taipei", Romanze von Huo Jianqi 霍建起, Taiwan 2009. Mit Chen Bolin 陈柏霖, Tong Yao 童瑶, Yang Youning杨佑宁, Cai Shuzhen蔡淑臻. 98 min, Chinesisch OHNE englische UT (doch große chin. UT). Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

清新女歌手May压力大到突然失声,一个人逃离台北,躲到静僻的菁桐小镇。她在菁桐 遇到了热心的少年小莫(陈柏霖 饰),帮助她安顿下来,也希望她找回嗓音。多雨的小镇及小莫替May带来了快乐及逐 渐萌生的情愫,但在不远的台北等着她的,是不可限量的大好前程以及那个喜欢雨天 的男人……。

2008 wurde in Taiwan Ma Ying-yeou zum Präsidenten gewählt. Dem folgte eine Zeit der Annäherung zwischen der Insel und dem Festland. Nur so konnten Projekte wie dieses verwirklicht werden: Der Festland-Regisseur Huo Jianqi dreht in Taiwan einen Film, der auf einer japanischen Vorlage beruht und komplett in Taiwan spielt.
Huo Jianqi ist im Westen nie so bekannt geworden wie etwa Zhang Yimou oder Chen Kaige. Dabei hat er bemerkenswerte Filme gedreht hat wie "Postmen in the Mountains" (那山那人那狗, 1999), "Nuan" (, 2003) und "A Time to Love" (情人结, 2006), die wir alle im Chinaclub sahen. Die melancholische Stimmung dieser Filme kennzeichnet auch "Snowfall in Taipei". Allerdings spielt der Film gar nicht dort, sondern  in der Kleinstadt Jingtong (菁桐) östlich von Taipei. Hierher kommt die junge May (Tong Yao): eine aufstrebende Sängerin aus der Hauptstadt, die allerdings ihre Stimme verloren hat und jetzt nur noch flüstern kann. Xiao Mo (Chen Bolin), ein junger Mann aus der Kleinstadt, kümmert sich um sie. Er hilft ihr, Wohnung und Arbeit zu finden, und er sucht ihr auch einen traditionellen Arzt, dessen Verschreibung ihr hilft, die Stimme wiederzufinden. Immer mehr verliebt er sich in die geheimnisvolle Hauptstädterin, ohne zu wissen, wer sie ist. Doch längst sind Freunde aus Taipei auf der Suche nach ihr, vor allem ihr musikalischer Betreuer Ray (Yang Youning). Sie finden Xiao Mo, der zuerst zögert, sie mit May zusammenzubringen. Er, der in der Kindheit von der Mutter verlassen wurde, fürchtet, dass ihn nun ein weiteres Mal eine Frau verlassen wird ... leider ohne englische Untertitel.

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TAI PING LUN 太平论 ("The Crossing" - Teil 1)
Drama von John Woo, China 2014. Mit Zhang Ziyi, Takeshi Kaneshiro, Tong Dawei, Song Hye-Kyo. 125 min, Chinesisch OHNE Untertitel. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Der Untergang des Ozeandampfers "Taiping" auf dem Weg von Shanghai nach Keelong (Jilong/Taiwan) am 27. Januar 1949 gehört zu den großen Schiffskatastrophen der Neuzeit. Wie auf der "Titanic" kamen hier vermutlich an die 1500 Menschen ums Leben. In seinem zweiteiligen Film versucht John Woo das chinesische Pendant zu dem amerikanischen "Titanic"-Film von 1997. Der erste Teil, der am Freitag besichtigt werden kann (leider ohne englische Untertitel), ist allerdings nur das Vorspiel zu dem, was sich im zweiten Teil auf dem Schiff abspielen wird. Anders als bei der amerikanischen Vorlage stehen hier gleich drei Paare im Mittelpunkt, an denen exemplarisch die Umstände der Zeit und des Schiffsunterganges gezeigt werden sollen. Ob das dem Film wirklich gut tut (und ob die Aufteilung in zwei Teile notwendig war) wird allerdings von vielen Kritikern bezweifelt
Dabei waren die äußeren Zeitumstände weitaus dramatischer als die der "Titanic"-Jungfernfahrt 1912. Am 10. Januar 1949 war der Roten Armee in der Schlacht bei Huaihai der entscheidende Sieg über die Guomindang-Truppen gelungen. Ein schneller Vormarsch in Richtung Süden folgte, mit dem Ergebnis, dass zahlreiche wohlhabende Familien sowie Amtsträger, Offiziere und Soldaten der Guomindang nach Taiwan flüchteten. Die "Taiping", die am 27. Januar 1949 von Shanghai nach Taiwan fuhr, war zwar nicht das letzte Schiff, das dazu Gelegenheit bot. Aber sie war das letzte Schiff vor dem chinesischen Neujahrsfest. Also Dramatik pur, sowohl im Blick auf die Zeit und die Frage "Bleiben oder Flüchten" als auch im Blick darauf, wie man an die begehrten Schiffstickets herankam.
Doch der Film geht zunächst zurück ins Jahr 1945. Auch John Woo tut hier so, als wären die Japaner in China von chinesischen Truppen besiegt worden, mit den üblichen Bildern von Soldaten, die durch die Luft fliegen und nach Treffern computergenerierte Blutspritzer von sich geben. Das gibt ihm Gelegenheit, die Hauptfiguren vorzustellen: den jungen GMD-General Lei Yifang (Huang Xiaoming), den Funker Tong Daqing (Tong Dawei), der absurderweise trotz seines Funkerjobs in der vordersten Frontlinie kämpft und im Erste-Hilfe-Zelt persönlich den vermeintlich japanischen Arzt Yan Zekun (Takeshi Kaneshiro) niederschlägt. Bei dem aber stellt sich heraus, dass er Taiwaner ist, der von den Japanern zum Militärdienst gezwungen wurde. Anschließend bilden sich besagte drei Paare:
General Lei heiratet die schöne und reiche Zhou Yunfen (Song Hye-Kyo), der Funker Tong Daqing lässt sich mit einem Baby und der Krankenhelferin Yuzhen (Zhang Ziyi) fotografieren, um als angeblicher Familienvater mehr Sold zu bekommen, und der Arzt Yan Zekun ergeht sich in Erinnerungen an seine japanische Freundin Noriko (Masami Nagasawa), die er in Taiwan zurücklassen musste. Dann Zeitsprünge: zum einen zum Bürgerkrieg, der sich bald nach Kriegsende entwickelt, und wo sich Rote Armee und Guomindang-Truppen gegenüberstehen. Aber auch nach Taiwan, und zwar schon in die Zeit nach dem Taiping-Untergang. Doch wie gesagt: Alles das ist nur das Vorspiel zum zweiten Teil, der den Untergang der "Taiping" selber zeigt (und der viele Szenen aus diesem ersten Teil wiederholen wird).

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TAI PING LUN 2  太平论 2 ("The Crossing" - Teil 2)
Drama von John Woo, China 2015. Mit Zhang Ziyi, Takeshi Kaneshiro, Tong Dawei, Song Hye-Kyo. 120 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Hier nun der zweite Teil des Filmepos über den Untergang der "Taiping", die auf dem Weg von Shanghai nach Keelong (Jilong/Taiwan) am 27. Januar 1949 mit einem Frachter kollidierte und sank.

Der Beginn dieses Teils greift die wichtigsten Handlungsstränge des ersten auf. Er stellt noch einmal die drei Paare vor, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, allerdings mit anderer Gewichtung. Denn bei zweien der Paare sind die Männer jetzt entweder größtenteils abwesend – der Funker Tong Daqing (Tong Dawei), den die Umstände mit der Krankenhelferin Yuzhen (Zhang Ziyi) verbunden haben – oder aber im Fall von GMD-General Lei Yifang (Huang Xiaoming) gar nicht mehr am Leben. Also geht es vor allem um die Schicksale der Frauen Yuzhen und Zhou Yunfen. Und die Beziehung des taiwanischen Arztes Yan Zhekun (Takeshi Kaneshiro) zu seiner japanischen Geliebten Noriko (Masami Nagasawa) spielt sich ohnehin wie im ersten Teil im Grunde nur in der Erinnerung ab. Das schränkt natürlich die dramaturgischen Möglichkeiten des Films wesentlich ein. Doch sind die Zeitumstände ebenso wie der Ablauf des Schiffsunglückes immer noch dramatisch genug, um aus dem ganzen ein packendes Epos mit intensivem Zeitkolorit zu machen.

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TAN XIN GUI JIAN GUI 贪心鬼见鬼 ("Greedy Ghost")
Geister-Komödie von Boris Boo, Singapore/Malaysia 2012. Mit Kang Kang, Brendan Yuan, Henry Thia, Jessica Liu. 92 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 9 Jahre

Die Großfamilie in China eliminiert, der Maoismus nur noch Politikergeschwätz – gibt es da, außer dem Chinesentum, noch ein geistiges Band, das Chinesen in China, Taiwan, Hongkong und im Ausland eint? Aber ja – zum Beispiel Geisterglauben und Aberglauben (der wie die katholische Anbetung toter Heiliger und heiliger Knochen auch die buddhistischen Praktiken unentwirrbar mitbestimmt). Die Geister-Komödie "Greedy Ghost" ist deshalb für Chinesen auf noch tiefere Weise erheiternd und ergreifend als für uns.
Die Story:  Der ewige Loser Ah Lim findet ein geheimnisvolles Buch, in dem ein Geist ihm die Zahlen der nächsten Lotterie verrät. Nach anfänglichen Zweifeln folgt er den Anweisungen des Geistes und verlässt seine alten Kumpane. Während er das Leben der Reichen genießt, erzürnen seine Kumpane durch eine Grabschändung den Geist einer Verstorbenen. Doch auch der Buchgeist offenbart seine Kehrseite: Als Bezahlung für den Reichtum soll Ah Lim sterben und selber die Stelle des Buchgeistes einnehmen - es sei denn, es gelänge ihm, wieder arm zu werden. So wird es für ihn eine Frage von Leben und Tod, seinen Reichtum loszuwerden. Denn was nützt einem alles Geld der Welt, wenn man tot ist?

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TAO CHU SHENG TIAN  逃出生天 ("Out of Inferno")
Action-Drama von den Brüdern Pang, Hongkong 2013. Mit Louis Koo, Ching Wan Lau, Angelica Lee. 105 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

2010 starben in Shanghai 53 Menschen beim Brand eines Hochhauses. Und das war "nur" ein 28-stöckiges Wohnhochhaus, von denen es in China inzwischen einige tausend gibt. Viele davon sind eingezwängt in engen Siedlungen; aber das abgebrannte Wohnhaus stand direkt an einer Straßenkreuzung, also für die Feuerwehr fast optimal zugänglich. Wie wird das erst bei einem Brand in einem schlechter zugänglichen Gebäude aussehen? Oder gar in einem der "echten" Hochhäuser? Etwa im "Shanghai World Financial Center" mit 492 Meter Höhe? Oder daneben im "Shanghai Tower", der mit einer Höhe von 632 Metern das höchste Gebäude Asiens sein wird, und nach dem Burj Khalifa in Dubai das zweithöchste Gebäude der Welt? (Nur zum Vergleich: Die höchsten Feuerwehrleitern der meisten Städte - etwa Berlin - erreichen kaum mehr als ca. 50 Meter. Die weltweit am höchsten reichende Hebebühne erreicht knapp über 100 Meter und ist damit noch 50 Meter niedriger als die Definition eines "Wolkenkratzers" mit 150 Metern. Gebäude von dieser Höhe gibt es Berlin kein einziges, in der gesamten Schweiz eines, jedoch allein in Shanghai ca. 100!)
Die Vorstellung eines Brandes in so einem Gebäude rührt an menschliche Urängste. Diese Ängste greifen die Pang-Brüder in ihrem Thriller auf, der seltsamerweise nicht in Hongkong spielt, sondern in Kanton. Hauptpersonen sind die Brüder Tai-Kwan und Keung, beides frühere Feuerwehrleute. Keung, der Jüngere, hat den Dienst vor Jahren verlassen, um auf ähnlichem Gebiet noch wirksamer zu werden: nämlich als Chef einer Firma, die für die Feuersicherheit von Hochhäusern zuständig ist. Doch ausgerechnet als diese Firma - natürlich selber in einem Hochhaus residierend - mit einer großen Feier ihre neuesten Systeme vorstellen will, bricht in diesem Hochhaus ein Feuer aus. Wie das Drehbuch es will, befindet sich auch die schwangere Frau des Feuerwehroffiziers Tai-Kwan zu einer Untersuchung in dem Gebäude. Tai-Kwan, der eigentlich gerade sein Entlassungsgesuch eingereicht hat, eilt mit seinen Leuten zu dem Gebäude und versucht zu retten, was zu retten ist. Dasselbe versucht inzwischen Firmenchef Keung im Innern des Gebäudes. Schon bald führt er eine Gruppe Eingeschlossener an, darunter die Frau von Tai-Kwan. Der Film zeigt abwechselnd das äußere Drama, also den Fortgang des Brandes und die Rettung der Eingeschlossenen, und die persönlichen Dramen der Betroffenen, die in diesen Stunden höchster Lebensgefahr zutage treten. Für die Hauptpersonen endet das zum Glück sämtlich mit einem Happy-End.
Auch bei diesem wichtigen Thema zeigt sich einmal mehr die Feigheit bzw. Gängelung der VR-chinesischen Filmemacher. Der Shanghaier Wohnhausbrand? Die zusammengefallenen Schulen im Gebiet des großen Erdbebens 2008? Flüsse voll toter Fische? Die Angst der Chinesen vor inländischen Lebensmitteln? Behördenwillkür? Korruption? Alles für die Filmemacher keine Themen. Und dass die Regisseure sogar in Hongkong Angst haben, z.B. der Frage der Brandsicherheit von Hochhäusern näher nachzugehen, zeigt schon die komische Konstruktion ihrer Story, die sie von Hongkong ins benachbarte Kanton verlegt haben.

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TAO JIE 桃姐 ("A Simple Life ")
Von Ann Hui, Hongkong 2011. 115 min, mit Andy Lau (= Liu Dehua) und Deanie Ip. Chinesisch OHNE Untertitel. Altersempfehlung: ab 9 Jahre

Dieser Film beschäftigt sich mit einem Thema, das im Westen schon lange und inzwischen auch in China zu einem zentralen Problemen der Wohlstandsgesellschaft herangewachsen ist: die Situation der Alten in der Phase ihrer Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit.
Erzählt wird die Geschichte von Ah Tao, die seit 60 Jahre Haushälterin der Familie Leung ist. Inzwischen sind die älteren Mitglieder der Familie gestorben und die jüngeren fast alle ausgezogen. Jetzt sorgt sie nur noch für Roger, einen vielbeschäftigten Filmproduzenten (gespielt von Andy Lau). Als dieser eines Tages nach Hause kommt, hat Ah Tao einen Schlaganfall erlitten. Er fährt sie ins Krankenhaus, und als sich zeigt, dass ihre halbseitige Lähmung von Dauer sein wird, bringt er sie in einem Altersheim unter. Von nun an kümmert er sich rührend um sie. Er besucht sie, macht Spaziergänge mit ihr und führt sie aus. Nebenbei lernt der Zuschauer auch die anderen Bewohner des Heims kennen, samt deren mehr oder weniger hilfsbereiten Angehörigen. Zum Schluss erleidet Ah Tao einen weiteren Schlaganfall und stirbt.
So weit, so gut, so bewegend. Mit Recht hat der Film viele Preise erhalten, darunter in Venedig den für die beste Hauptdarstellerin. Blickt man jedoch unter die Oberfläche dieser Alt-Jung-Romanze, so ahnt man das Grauen der Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die Ann Hui (die doch sonst nicht zu den filmischen Angsthasen gehört) nach Kräften vermieden und geschönt hat.
Das beginnt schon mit der Grundstruktur: nicht Mutter und Sohn, sondern Sohn und Hausdienerin. Also eine Beziehung ohne gesetzlich auferlegte Pflichten, auf bloßer Güte und Anhänglichkeit beruhend. Dann die alte Dienerin: Bescheidenheit, Selbstlosigkeit und Fürsorglichkeit in Person. Der Schlaganfall: nur die Gliedmaßen einer Körperhälfte betroffen und schnell gebessert, doch Sprache und Denkvermögen intakt. Dann, das Altenheim und die Kosten: Roger hat genug Geld, und dann entpuppt sich der Eigentümer des Hauses auch noch als alter Freund und gibt einen Rabatt (und man darf sicher sein, dass die Angestellten die Dame besonders gut versorgen). Dann das Heim selber: mit großer Fensterscheibe zur Straße und direkter Tür dorthin, also etwas, das es in realen Heimen wohl kaum gibt. Geschönt sind schließlich auch das Pflegepersonal und die anderen Heimbewohner (von denen einer sich regelmäßig Geld für ein Schäferstündchen mit einer Hure leiht).
Die wahren Probleme deutet Ann Hui nur zaghaft an, vorzugsweise bei den anderen Heimbewohnern: dass Kinder, zumal Einzelkinder, mit der Betreuung ihrer Alten überfordert sind. Dass die Alten oftmals nicht freundlich und zufrieden sind, sondern fordernd, sabbernd und keifend. Dass kein Geld da ist, die teuren Heimplätze zu bezahlen. Dazu das Versinken alter Menschen in endgültiger Demenz, zumal (siehe Walter Jens) vom Typ Alzheimer. Das Dahinvegetieren gelähmter, sprechunfähiger Apoplex-Patienten. Mit einem Wort: das ganze Elend und die Würdelosigkeit des hinfälligen Daseins, das bei vielen zu dem verständlichen Wunsch führt, Art und Zeitpunkt, aus dem Leben zu gehen, selber bestimmen zu dürfen.
Vor alledem drückt sich dieser zwar schöne, aber im Kern zutiefst feige Film. Dennoch ein sehenswerter Einblick in ein Problem, von dem jetzt schon abzusehen ist, das es das konfuzianische China in seinen Grundfesten erschüttern wird.

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TAO XUE WEI LONG 逃学威龙 ("Fight Back to School")
Action-Comedy von Gordon Chan, Hongkong 1991. Mit Stephen Chow, Man Tat Ng, Sharla Cheung. 102 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Eine Action- und Blödel-Comedy aus der alten Hongkong-Schule: eine Art Feuerzangenbowle auf chinesisch. Stephen Chow spielt einen Polizeioffizier, der undercover auf eine feine Schule geschickt wird. Hier soll er als Schüler verkleidet eine Pistole finden, die seinem Chef gestohlen wurde, wobei er nebenbei einen Ring von Waffenschmugglern aufmischt. Garniert ist das Ganze mit einem garantiert sexlosen Flirt, diversen Kampfkunst-Balletten sowie einer finalen Schießerei, der garantiert nur die Schurken zum Opfer fallen. Verblüffend ist allenfalls der Fatalismus, mit dem die Hongkonger Filmindustrie dieser Jahre business as usual betrieb: Noch 6 Jahre bis zur Rückkehr des Stadtstaates unter die Herrschaft des Big Brother vom Festland, und nicht einmal eine kleine Anspielung darauf in der Filmhandlung ... das Ignorieren irritierender Realitäten gehört offenbar seit jeher zu den zentralen Talenten altgedienter Konfuzianer.

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TAO XUE WEI LONG 3  逃学威龙3  ("Fight Back to School 3")
Krimi-Komödie von Wong Jing, Hongkong 1993. Mit Stephen Chow, Anita Mui, Sharla Cheung, Anthony Wong. 90 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Wieder spielt Stephen Chow den Polizisten Chow Sing-Sing, der eine Undercover-Aktion durchführen soll. Die hat aber trotz des Titels nichts mit Schule zu tun. Vielmehr geht es diesmal um den bei Sexspielen ermordeten Millionär Million Wong, der zufällig Chow Sing-Sing aufs Haar ähnelt. Also wird der Tod des Millionärs verschwiegen, und man liefert den falschen Ehemann bei der Ehefrau Judy Wong (Anita Mui) ab, angeblich mit verlorenem Gedächtnis.
Es folgt eine Parodie auf Filme wie "Basic Instinct" oder "Fatal Attraction", mit Gags und Pointen von unterschiedlichem Niveau. Neben dem routinierten Spiel von Stephen Chow ist das eine Gelegenheit, die 2003 verstorbene Anita Mui in einer hübsch zwielichtigen Hauptrolle wiederzusehen.

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TI YU HUANG HOU 体育皇后 ("The Queen of Sports")
Von Sun Yu, China 1934. Mit Li Lili und Zhang Yi. Schwarzweiß, 85 min, STUMMFILM mit englischen Zwischentiteln. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Der Film beginnt mit der spektakulären Vorbeifahrt eines Schiffes am Shanghaier "Bund" (waitan 外滩), vermutlich zu dem berühmten "Dock 16" (shiliu pu 十六铺). Mit ihm kommt die junge Sportlerin Lin Ying aus dem Ausland zurück nach China. Sie ist eine exzellente Läuferin und gewinnt eine Reihe nationaler Wettbewerbe. Bald wird sie die "Queen of Sports" genannt. Doch dann bringen sie einige Vorfälle zu dem Gefühl, den wahren Geist des Sports verloren zu haben. Sie bricht ihre Karriere ab und kommt zu einem durchgreifenden Wandel ihrer inneren Haltung.
Bedenkt man, dass dieser Film nunmehr 80 Jahre alt ist, so erstaunt nicht nur die Modernität seines Frauenbildes, sondern auch die offene geistige Atmosphäre, die er verkörpert, mitsamt seiner unverhüllten Kritik am Luxusleben der Oberklasse. Und man fragt sich, was aus dieser offenen Haltung hätte werden können, wenn es nicht die japanische Invasion mit all ihren politischen und militärischen Implikationen gegeben hätte.

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TIAN BIAN YI DUO YUN  天边一朵云 ("The Wayward Cloud")
Von Tsai Ming Liang, Taiwan 2005. Mit Lee Kang-sheng, Chen Shiang-chyi, Lu Yi-Ching, Yang Kuei-mei. 113 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 16 Jahre

Die Rolle Taiwans als Modell, wie schön China ohne Kommunismus sein kann, gilt zunehmend auch für den Film. Zwar ist intelligente Erotik auch im taiwanischen Kino eher selten, gar nicht zu reden von radikaler Sexualität. Aber es gibt diverse sehenswerte Produktionen, von denen "The Wayward Cloud" eine der interessantesten ist: ein Film, der es fertigbringt, ausgerechnet die Wassermelone zum Inbegriff eines Sexsymbols zu machen. Er kombiniert gewollten Kitsch, parodistische Musical-Szenen und pornografisch anmutende Sexszenen auf eine Weise, die ihm teils Empörung, teils begeisterte Zustimmung eintrugen. Welcher Seite man sich anschließt, bleibt jedem selbst überlassen.

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Tian Jiang Xiong Shi  天将雄师 ("Dragon Blade")
Action-Epos von Daniel Lee, China 2015. Mit Jackie Chan, John Cusack, Adrien Brody. 127 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Jackie Chan ist der Münchhausen des chinesischen Kinos, aber er hat auch seine dunkle Seite. Wenn er nachts allein ist, weint er still in sein Kissen, weil man ihn immer noch nicht zum Gouverneur von Hongkong ernannt hat. Noch mehr kränkte es ihn, dass er nicht den Jon Snow in "Game of Thrones" spielen durfte. Um das zu kompensieren, macht er seine Filme.

Sein bislang komischstes Produkt lässt sich in "Dragon Blade" bewundern (Regie Daniel Lee, mit Jackie Chan als Produzent). Huo An (Jackie Chan) ist hier Kommandeur einer fiktiven "Seidenstraßen-Schutz-Garde". Als solchem gelingt es ihm, einen schwerwiegenden Mangel der Weltgeschichte zu korrigieren: dass es nämlich im Altertum nie eine Begegnung chinesischer und römischer Truppen gab. Dieser weltumspannende Film führt nun endlich ein solches Treffen herbei. Es ist das Jahr 48 v.Chr., als eine desertierte römische Legion unter General Lucius (John Cusack) vor einer chinesischen Wüstenfestung auftaucht. Jackie Chan als Huo An zeigt den Angreifern, dass Freundschaft und Sport wichtiger sind als jeder Schlachtensieg, vorausgesetzt, alle sprechen neben der Weltsprache Kungfu entweder chinesisch wie die Chinesen oder englisch wie in diesem Film die Römer. Doch dann kommt der korrupte Konsul Tiberius (Adrien Brody) mit einer Riesenarmee und tötet Lucius. Um die Freiheit der Seidenstraße zu bewahren, vereinigen sich die Heere verschiedener Seidenstraßen-Anliegerstaaten mit Hua An, der im entscheidenden Duell den bösen Tiberius besiegt.
Für den Fall, dass man ihn auch 2016 nicht zum Gouverneur von Hongkong ernennen sollte, hat Jackie Chan bereits seinen nächsten Film angekündigt, eine chinesisch-französische Koproduktion. Dieses Werk wird endlich eine weitere Geschichtslücke schließen: Kaiser Napoleon, natürlich englisch sprechend, wird hier nicht nur Russland überrennen, sondern bis nach Peking vordringen. Dort wird ihn Jackie Chan in einem Duell besiegen und ihm anschließend einen Ferienkurs im Shaolin-Tempel schenken.

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TIAN JI: FU CHUN SHAN JU TU 天机:富春山居图  ("Switch")
Actionfilm von Jay Sun, Hongkong 2013. Mit Andy Lau, Zhang Jingchu, Tong Dawei, Lin Chiling. 122 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Ein Film mit großem Staraufgebot, in der Hauptrolle Andy Lau als Geheimagent Xiao Jinhan. Die Story? Nun ja, da ist ein äußerst wertvolles Gemälde aus der Yuan-Dynastie, das nicht nur für das chinesische Vaterland von höchster Bedeutung ist, sondern auch für ein japanisches Gangster-Syndikat mit einer im Rollstuhl sitzenden Dame, die "Kaiserin" genannt wird. Von dem Bild gibt es zwei Teile, die sich mal in diesem Museum, mal in jenem Tresor befinden und dann in atemlosen Aktionen zu Wasser, zu Lande und aus der Luft ihre Besitzer wechseln. In rasenden Fahrten und Flügen geht es von Hongkong nach Dubai, von Dubai nach Tokio und wieder zurück nach Hongkong, die Autofahrten prinzipiell in laut röhrenden Audis, was wenigstens uns in Old Germany stolz machen kann. Alle Teilnehmer in diesem Film (eingeschlossen die schöne Ehefrau von Xiao Jinhan und die ebenso schöne Doppelagentin, die von Lin Chiling gespielt wird) erweisen sich nicht nur als treffsichere Schützen, sondern auch als Meister aller Kampfkünste, allerdings mit dem kleinen Problem, dass man in dem Wirbel von Einbrüchen, Verfolgungsjagden, Schusswechseln und Entführungen bald die Story und den Zweck dieser Aktionen aus den Augen verliert.
Selten gab es in China einen solchen Unterschied zwischen einem rauschenden Kassenerfolg auf der einen Seite und schlechten Kritiken auf der anderen. Sogar Superstar Andy Lau selber distanzierte sich öffentlich von dem Streifen. Dennoch ist das Werk in gewisser Weise ein Markstein: In diesem rasanten B-Film wird deutlich, wie sehr das gewachsene chinesische Selbstbewusstsein inzwischen den ganzen Globus als Aktionsfläche seiner Handlungsphantasien betrachtet.

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TIAN MING 天明 ("Daybreak")
Von Sun Yu, China 1933. Mit Li Lili, Gao Zhanfei, Yuan Congmei. Schwarzweiß, 97 min, STUMMFILM mit englischen Zwischentiteln und der originalen Musik-Untermalung von Toshiyuki Hiraoka. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

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Der 1900 geborene Sun Yu war in den 1930er Jahren einer der wichtigsten Regisseure des chinesischen Stummfilms. 1933 - nur wenige Monate vor dem grandiosen "Little Toys" (Xiao Wanyi 小玩意) - kam "Daybreak" in die Kinos, mit Li Lili in der Hauptrolle. Der Film beginnt mit dem unablässigen Strom armer Bauern in die Städte, darunter auch die junge Ling Ling, die in Shanghai ein neues Leben sucht. Not und Armut zwingen sie in die Prostitution. Ihr Partner schließt sich den Revolutionären an, und als sie ihm zur Flucht vor seinen Verfolgern verhilft, wird sie selber zum Tod verurteilt. Sie stirbt als Märtyrerin.

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TIAN SHANG REN JIAN  天上人间 ("Love Will Tear Us Apart ")
Nelson Yu Lik Wai, Hongkong 1999. Mit Wang Ning, Tony Leung Kar-fai, Lu Liping, Rolf Chow Chi-sang. 108 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Hongkong kurz nach der Rückgabe der Stadt an China. Gezeigt wird ein Ausschnitt aus dem Leben von zwei Männern und zwei Frauen, die alle vom Festland stammen. Da ist der zwielichtige Ah Jian (gespielt von Tony Leung Kar-Fai), der sich als Verkäufer von Porno-Videos durchschlägt. Er lebt mit Yan zusammen (Lu Liping), die als Tanzlehrerin vom Festland gekommen war, aber nach einem Unfall den Fahrstuhl eines Restaurants bedient. Ying (Wang Ning) ist eine junge Prostituierte, die sich mit einem Touristenvisum in Hongkong aufhält. Schließlich als vierter der schwächliche Chun (Chow Chi-sang), der sein Geld mit der Wartung von Aufzügen verdient. Die Schicksale der vier sind auf seltsame Weise miteinander verknüpft, die der Film auf komplexe Weise enthüllt.
Dies war der erste Spielfilm von Yu Lik Wai, der ansonsten als Kameramann die Filme von Jia Zhangke geprägt hat. Mit "Love Will Tear Us Apart" ist ihm ein außergewöhnlicher Film gelungen, der abseits des Mainstreams große Anerkennung fand. Eine ausführliche Kritik hat ihm Shelly Kraicer auf der Webseite Webseite http://www.chinesecinemas.org/lovewill.html gewidmet.

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Tian Yu  天浴 ("Xiu Xiu: The Sent Down Girl")
Drama von Joan Chen 陳沖 , China/USA 1998, nach dem gleichnamigen Roman von Yan Geling. Mit Li Xiaolu 李小璐,  Lopsang Chunpei, Gao Jie. 99 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

In Chinas Filmwesen ist Joan Chen (陳沖)eine absolute Ausnahmeerscheinung – nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Regisseurin (und daneben zunehmend als politische Aktivistin). 1961 in Shanghai geboren, wurde sie im Alter von 16 Jahren mit dem Film "Jugend" (青春) bekannt. Die Hauptrolle in "Kleine Blume" (小花, 1980) machte sie in ganz China berühmt. Doch wenig später ging sie mit ihren Eltern (die als Ärzte unter Mao Schlimmes durchgemacht hatten) in die USA, und 1989 nahm sie die dortige Staatsbürgerschaft an. Seitdem ist wohl niemand so sehr in beiden Kulturen zuhause wie sie. Und es gibt wohl keine andere chinesische Schauspielerin (auch nicht Gong Li!), der es wie Joan Chen gelingt, auch mit über 50 Jahren immer wieder in aufregenden Rollen besetzt zu werden.
"Tian Yu", beruhend auf einem Roman von Yan Geling, war 1998 ihr erster Film als Regisseurin. Die Handlung beginnt 1975 in Chengdu, mit der 16-jährigen Xiu Xiu im Mittelpunkt. Es ist die Spätphase der Kulturrevolution, als insgesamt an die acht Millionen jugendliche Städter in ferne Provinzen verschickt wurden. Zunächst wirkt das Ganze wie ein Idyll, doch schnell zeigt sich die Realität, die hinter den hohlen Phrasen und dem verlogenen Pathos dieser Zeit steckt.

Xiu Xiu wird einem tibetischen Außenposten zugeteilt, wo sie Pferdezucht lernen soll. Entsetzt muss sie feststellen, dass sie von nun an mit gemeinsam mit Lao Jin, einem älteren Pferdehirten, in einem einsamen Zelt leben wird, fernab von anderen Dörfern, gar nicht zu reden von der nächsten Stadt. Dennoch entwickelt sich zwischen ihr und dem alten Jin eine zwar schwierige, aber doch zunehmend vertrauensvolle Beziehung – eine Beziehung, die auch zwangsweise unerotisch bleibt, denn Lao Jin wurde als jüngerer Mann gefoltert und kastriert.
Dann kommt die Zeit, wo immer mehr der anderen Jugendlichen in ihre Städte zurückkehren dürfen. Nur Xiu Xiu hat keine Fürsprecher. Ein Händler bietet ihr an, etwas für sie zu tun, wenn sie mit ihm schläft, und sie tut es – er aber nichts für sie.
Bald stellt sich der nächste ein, der sie missbraucht, der übernächste … bis das Leiden von Xiu Xiu und Lao Jin in einer bitteren Tragödie endet.
Ein bewegender Film, und einer der offensten (auch in sexueller Hinsicht), die je über die Kulturrevolution gedreht wurden. Im Schicksal eines zerbrechlichen Mädchens entlarvt dieser Film schonungslos den Staatsapparat, der in dieser Zeit genauso verbrecherisch mit dem eigenen Volk und der eigenen Jugend umging wie die Nazis unter Hitler. Fast überflüssig zu sagen, dass der Film in Chinas Kinos nie gezeigt werden durfte. Auch dies ist Teil der Schande, die zu rügen unsere Aufgabe ist – und zwar so lange, bis auch in China endlich offen über die Verbrechen der Vergangenheit gesprochen und geschrieben werden darf.

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Tian Yun Shan Chuan Qi 天云山传奇 ("Legend of Tianyun Mountain")
Drama von Xie Jin, China 1980. Mit Shi Weijian und Wang Fuli. 120 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Bevor das Berliner Konfuzius-Institut und das Chinesische Kulturzentrum ihre umfassenden, sicherlich grandios zu werden versprechenden Veranstaltungsreihen über die Kulturrevolution beginnen, macht unser kleiner Chinaclub mal schnell den Anfang. Denn als KP-Chef Mao vor 50 Jahren die "Große Proletarische Kulturrevolution" befahl, zeigte sich schlagartig Chinas politisches Kernproblem. Was passiert, wenn der oberste Parteiführer sich mit Gewalt an die Macht klammert, und wenn er einen Bürgerkrieg auslöst, um seine Gegner zu vernichten? Welche Strukturen in der Partei hätten das damals verhindern können? (Antwort: Offensichtlich keine.) Welche veränderten Strukturen verhindern das heute? (Antwort: Siehe die demnächst angekündigt werden sollenden Veranstaltungen von Konfuzius-Institut und Chinesischem Kulturzentrum.)
In China selber gab es nur in den 80er Jahren den Mut, offen über solche Fragen nachzudenken. Die "Legende vom Tianyun-Berg" von Xie Jin war einer der ersten filmischen Beiträge dazu. Story: Luo Qun, seinerzeit Politkommissar, wurde in den 50er Jahren als angeblicher "Rechtsabweichler" angeklagt, degradiert und aufs Land verbannt. Nach dem Ende der Kulturrevolution erfährt eine frühere Freundin davon. Sie will ihn rehabilitieren lassen, doch ausgerechnet ihr eigener Ehemann - selber Parteifunktionär und erfolgreicher Opportunist - stemmt sich dagegen.

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TIE SAN JIAO 铁三角 ("Triangle")
Actionthriller von Tsui Hark, Ringo Lam und Johnnie To, Hongkong 2007. Mit Louis Koo, Simon Yam, Sun Honglei. 93 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Im Prinzip eine spannende Idee: Drei der renommiertesten Hongkonger Action-Regisseure vereinbaren ein gemeinsames Experiment. Der erste von ihnen, Tsui Hark, dreht 30 Minuten Exposition. Der zweite, Ringo Lam, macht daraus in den nächsten 30 Minuten ein Netz von Verwicklungen, Drohungen und Verlockungen. Und der Dritte, Johnnie To, hat dann 30 Minuten, all das zu einem interessanten Ende zu führen.
Das Ganze beginnt vielversprechend: Drei Kleinganoven wollen einen großen Coup landen, nachdem ein Unbekannter sie auf eine verlockende Idee gebracht hat. Das aber, so zeigt der zweite Teil, ist schwieriger als gedacht, da die Frau eines der drei mit einem Polizisten liiert ist und ihren Mann loswerden möchte. Doch dann, im dritten Teil, scheint Johnnie To keine rechte Lust mehr gehabt zu haben, oder er hatte keine zündende Idee. Auf einmal sind alle, die vorher halbtot geschlagen oder verwundet waren, wieder gesund und munter, die Frau liebt nur noch den Mann, den sie verlassen wollte, und alles endet in einer klamaukhaften nächtlichen Schießerei, welche die drei zwar ohne Geld, aber auch ohne weitere Läsionen zurücklässt. - Trotz allem ein interessantes Experiment: ein spannungsreicher und atmosphärisch dichter Thriller aus der typischen Hongkong-Schule.

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TING CHE 停车 (Parking)
Von Chung Mong-hong, Taiwan 2008, 106 min, mit Chang Chen, Jack Kao, Peggy Tseng,  Leon Dai. Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 16 JahreEs beginnt ganz alltäglich: Der junge Chen Mo kommt von einer Dienstreise nach Taibei zurück. Weil Muttertag ist, hält er vor einer Konditorei und kauft für seine Frau zwei Torten. Doch als er losfahren will, ist sein Wagen von einem Auto in der zweiten Spur blockiert. Auf der Suche nach dessen Besitzer beginnt eine Odyssee, die Chen Mo mit ganz verschiedenen Leuten, Ereignissen und Schicksalen in Berührung bringt. Eine Familie mit einer blinden alten Frau und einem kleinen Mädchen, dessen Mutter gestorben ist und dessen Vater vor Jahren hingerichtet wurde. Ein einarmiger Friseur mit Triaden-Vergangenheit. Ein Bordell, ein schmieriger Zuhälter, eine gerade vom Festland geholte Frau. Ein gescheiterter Schneider in den Händen einer Gangsterbande. Größtenteils sind es Menschen, die auf der Schattenseite der Gesellschaft leben. Hier finden sich Schmutz und Verfall und auch einige desillusionierende Sex-Szenen - doch immer wieder auch Wärme und Hilfsbereitschaft. Das alles ist in lakonischen Rückblenden miteinander verknüpft, wobei auch die Eheprobleme von Chen Mo und seiner Frau nach und nach enthüllt werden. Als dieser sich am späten Abend endlich auf den Weg zu seiner Frau machen kann, hat er nicht nur ein blaues Auge und diverse Beulen und Schrammen, sondern bringt sich und seiner Frau zum Muttertag im Grunde ein neues Leben mit.
Ein schöner Film mit exzellenten Darstellern, vor allem Chang Chen in der Rolle des Chen Mo. Kaum zu glauben, dass dieses hochprofessionelle Werk der erste Spielfilm ist, den der 1965 geborene Chung Mong-hong gedreht hat.

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TING SHUO 听说 ("Hear Me")
Romantischer Beziehungsfilm von Cheng Fenfen, Taiwan 2009. Mit Eddie Peng, Michelle Chen, Yi Han Chen. 110 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Für das Restaurant seiner Eltern liefert der junge Tian Kuo Mahlzeiten aus. In einem Schwimmbad lernt er zwei gehörlose Schwestern kennen: Xiao Peng, die für die Paralympics trainiert, und die jüngere Yang Yang, die ihr vom Beckenrand aus assitiert. Tian Guo (der wie die beiden die Gebärdensprache der Gehörlosen beherrscht) verliebt sich in die lebhafte Yang Yang. Seine Zuneigung scheint erwidert zu werden; doch dann erleidet Xiao Peng einen Unfall. Yang Yang, die sich selber die Schuld daran gibt, bricht die Beziehung ab. Natürlich wird am Ende alles gut, und die beiden kriegen sich, unterstützt von Tian Kuos patenten Eltern. Zum Schluss gibt es (dramaturgisch unnötig, wie ich finde) auch noch eine überraschende Wendung, die hier nicht verraten werden soll.
Was den Film bemerkenswert macht, ist neben seiner Freundlichkeit und seiner optimistischen Stimmung auch die eigenartige, geradezu poetische Ausdruckskraft der Gebärdensprache, in der die meisten Dialoge geführt werden. Auch wenn man als Hörender nicht beurteilen kann, wie authentisch die Darsteller das beherrschen, hat man beim Lesen der Untertitel-Texte oftmals das Gefühl, dass die entsprechenden Gesten der Gebärdensprache schöner und gefühlvoller sind. Kein Wunder, dass dieser Film (der erste des Regisseurs Cheng Fenfen) 2009 die erfolgreichste Eigenproduktion des Inselstaates war.

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TING ZHAN YI HOU  停战以后  ("After the War")
Historisches Drama von Cheng Yin, China 1962. Schwarzweiß, 118 Minuten, Chinesisch OHNE Untertitel. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Das Jahr zwischen der japanischen Kapitulation in China im September 1945 und der offenen Fortführung des Bürgerkrieges im Juli 1946 war wohl eines der spannendsten in Chinas Geschichte: Alles war möglich, alles schien offen. In diesem Jahr gab es noch überall offene Diskussionen über Chinas Zukunft, ebenso wie zahlreiche Begegnungen zwischen KPCh- und Guomindang-Vertretern. Oftmals waren auch noch Teilnehmer einer dritten Seite beteiligt: US-amerikanische Diplomaten und Militärs.
Genau in dieser spannenden Zeit spielt der Film. In Peking (damals "Beiping" und zu dieser Zeit noch nicht wieder Hauptstadt) treffen sich 1946 Politiker und Militärs der GMD mit Offizieren der Roten Armee. Auch US-amerikanische Vertreter sind dabei, die sich den Anschein von Wohlwollen und Neutralität geben. Aber noch während die Verhandlungen laufen, unterstützen die Amerikaner eine Militäroffensive der Guomindang. Doch die militärischen Aktionen scheitern ebenso wie die Versuche, der GMD mit Geld, Waffen und politischem Druck zum endgültigem Sieg zu verhelfen. Es kommt zum offenen Bruch, und es beginnt das, was dann 1949 mit der Ausrufung der Volksrepublik endete (und mit der panischen Flucht der GMD-Nomenklatur, wie sie oben in dem "Taiping"-Epos von John Woo dargestellt wird).

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TONG CHUANG YI MENG 同床异梦 ("The Bedside Story")
Von Bu Wencang, Hongkong 1960. Mit Helen Li Mei, Zhang Yang, Kelly Lai Chen, Wang Lai. Schwarzweiß, 92 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Eine romantische Komödie um Starkult, Liebe, Ehe und Treue im Hongkong der 50er Jahre. "Tong Chuang Yi Meng" bedeutet sinngemäß: "In einem Bett schlafen, aber verschiedene Träume haben". Hier nun geht es um die Schauspielerin Jiang Renmei, die zu Beginn des Films gerade zur "Darstellerin des Jahres" gewählt wird. Der wohlhabende Zheng Dingwen, sonst eher schüchtern, macht ihr einen Heiratsantrag - und erntet dafür scharfe Kritik von seinem Bruder Dingwei. Trotzdem kommt die Heirat zustande, und die Schauspielerin übernimmt sofort das Kommando. Sie wirft den Bruder Dingwei aus dem Haus, kauft Schmuck und teure Autos, verweigert dem Ehemann ein gemeinsames Schlafzimmer, geht abends mit anderen Männern aus. Doch alles ändert sich, als Dingwei Material aus ihrer Vergangenheit ausfindig macht und damit droht, es zu veröffentlichen. – Also ein Geschlechterkampf, wie er im realen Leben der damaligen Schauspielerinnen oftmals zu Tragödien führte (siehe 20 Jahre davor das Schicksal von Ruan Lingyu), jedoch hier als Komödie inszeniert wird.

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TONG QUE TAI 铜雀台 ("Assassins")
Historien-Epos von Zhao Linshan, China 2012. Mit Cow Yun-Fat, Liu Yifei, Alec Su, Hiroshi Tamaki. 106 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Eine der größten und umstrittensten Persönlichkeiten in Chinas Geschichte war Cao Cao (155-220 n.Chr.). Er war ein begnadeter Feldherr und Stratege, der die Regentschaft der östlichen Han-Dynastie an sich riss und - ohne sich selber Kaiser zu nennen - die Wei-Dynastie begründete. Er war aber auch (ebenso wie Mao Zedong, der ihn bewunderte) ein Dichter von hohem Rang. Im "San Guo Yan Yi", der "Geschichte der drei Reiche", wird er als intriganter Despot geschildert, was seiner Person vermutlich nicht gerecht wird.
"Tong Que Tai" ist ein Versuch, sich dieser Persönlichkeit von innen anzunähern. Die Hauptrolle spielt Chow Yun-Fat, der seit seiner Darstellung des Konfuzius auf die Rollen von Chinas Herrscherpersönlichkeiten abonniert zu sein scheint. Natürlich verlangt die Dramaturgie, dass die historischen Ereignisse in Form von menschlichen Nebengeschichten plastisch gemacht werden. Da ist ein Attentat auf den Regenten Cao Cao, das dem ohnmächtigen Kaiser (in diesem Film ein wahrer Hampelmann) in die Schuhe geschoben werden soll. Weitere Versuche, den Regenten aus dem Weg zu räumen. folgen. Dann ist da der Sohn Cao Pi, der seinen Vater gerne als Kaiser sehen möchte, sowie diverse hübsch drapierte und opferbereite Frauenfiguren. Wie in allen Filmen dieses Genre, so darf man auch hier kein Nachdenken über zentrale Fragen erwarten, etwa nach der Legitimation oder gar Kontrolle von absoluter Herrschaft. Auch von dem, was den realen Cao Cao ausgezeichnet haben muss, ist hier wenig zu sehen. Wie die großen Historienfilme von Zhang Yimou und Genossen ist auch dieser Film ein opulentes Auswalzen dessen, was sich Chinesen heute unter ihrem Altertum vorstellen. Insofern reflektiert er den Umgang des offiziellen China mit der Geschichte: oberflächlich, pathetisch, melodramatisch und verlogen - jedoch pompös ausgestattet und mit dramatischen Kampf- und Schlachtenszenen reichlich garniert (und leider mit ziemlich miserabel übersetzten Untertiteln).

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Tong Zhi Gan Xie Ni 同志感谢你 ("Thank You, Comrade")
Politdrama von Chen Ying, China 1977. Mit Liu Xiaoqing 刘晓庆, Xing Jitian, Shu Yi. 97 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Auch hier geht es um einen zentralen chinesischen Wunschtraum, der vor 40 Jahren (wieder) die Bevölkerung ergriff, und der bis heute fast alle Eltern und ihre Kinder erfüllt: das Hochschulstudium. 1977, als der Film gedreht wird, ist die Kulturrevolution gerade vorbei: 10 Jahre Chaos und Terror, befohlen von dem zum Tyrannen mutierten Helden Mao, exekutiert von einer Partei, die das Volk im Stich ließ. Neben all den zu Unrecht Verfolgten, Verbannten und Totgeschlagenen gab es eine zweite große Gruppe von Opfern: die Jugendlichen, die 10 Jahre lang ohne fundierte Ausbildung gelassen wurden, überdies zu einem großen Teil irgendwo aufs Land geschickt. Nun plötzlich die Wiedereröffnung der Universitäten, mit der ersten Gaokao-Prüfung (高考) 1977: im Grunde eine Lotterie, bei der von fast 6 Millionen Prüflingen nicht einmal 300.000 durchkamen, weniger als 5 Prozent.
Doch der Film bringt es fertig, all das zu ignorieren. Stattdessen springt er zurück, zunächst ins Jahr 1973, wo junge Schulabgänger ausgerechnet einer besonders wenig respektierten Arbeitseinheit zugeteilt werden, nämlich der Stadtreinigung. Dann ein Sprung, zwei Jahre später: 1975, also immer noch mitten in der Kulturrevolution. Aber das Wort "Kulturrevolution" fällt nie, es gibt weder Slogans noch Kampf-Kritik-Sitzungen noch politische Diskussionen - und niemand im ganzen Film, weder Reinigungsarbeiter noch Leitungskader, trägt einen Mao-Button an Hemd oder Jacke.
Wahrlich ein Märchenfilm, in dem es jetzt (1975!) angeblich der Wunsch des Vorsitzenden Mao sei, dass die besten Reinigungsarbeiter auf eine Hochschule gehen sollen, und wo am Ende gar die Stadtreinigung eine eigene Hochschule erhalten soll. Und die Heldin des Films, die Musterarbeiterin Xiaojie verzichtet am Ende auch noch auf eine Hochschulbewerbung, weil ein echter Patriot eben auch die verachtete Arbeit bei der Stadtreinigung hochachten müsse. Also ein grandioses Beispiel dafür, wie ein Film die Realität ignorieren und Vergangenheit wie Gegenwart gnadenlos schönfärben kann.
Bemerkenswert aber auch die 1955 geborene Liu Xiaoqing (刘晓庆) in der Hauptrolle der Xiaojie: jene herausragende Schauspielerin, die später in Filmen wie "Fu Rong Zhen (芙蓉镇, Hisbiscus Town )" und  "Chun Tao 春桃" glänzte. Nach 1991 wechselte sie in die Immobilienbranche, wo sie es zur Milliardärin und zu einer der 50 reichsten Personen Chinas brachte - bis sie 2002 wegen Steuerhinterziehung für mehr als ein Jahr im Gefängnis saß ... und heute als 61-Jährige wieder zu einer begehrten Schauspielerin geworden ist. Auch sie also mit einem Lebenslauf, der gleichermaßen Traum und Albtraum einer Karriere verkörpert.

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TONG ZHUO DE NI 同桌的妳 ("My Old Classmate")
Von Frant Gwo, China 2014. Mit Lin Gengxin, Zhou Dongyu, Li Jiacheng, Michael Sui. 95 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Was ist Schicksal? In der Regel das Ergebnis der unablässigen Interaktion von Umständen und Eigenschaften. Realisten sagen: Das Schicksal eines Menschen ist sein Alltag - was der Pessimist Borges reduzierte auf den Satz: "Ein Mensch ist auf die Dauer sein Ort". Romantiker hingegen sehen das Schicksal vor allem in Begegnungen und den daraus folgenden bleibenden (oder nicht bleibenden) Beziehungen. Der Rückblick auf frühere Begegnungen - stets verbunden mit der Frage: Was wäre geworden, wenn... - ist daher für Autoren und Filmemacher ein Quell steter Inspiration.
Dass dies auch für diesen Film gilt, zeigt schon sein Titel. Wörtlich bedeutet er: "Du, die du in der Schule neben mir saßest". Am Anfang sehen wir Lin Yi (Lin Genxin), einen jungen Chinesen. Er lebt in den USA und scheint erreicht zu haben, wovon viele seiner Landsleute träumen: dem Anschein nach (was später jedoch korrigiert wird) leitender Angestellter einer IT-Firma. Außerdem ist er frisch verlobt. Da landet auf seinem Schreibtisch ein Brief aus China. Er enthält die Einladung zur Hochzeit von Zhou Xiaozhi (Zhou Dongyu), der früheren Schulkameradin und ersten Liebe von Lin. Schnitt: Lin Yi im Flugzeug, auf dem Weg nach China. Von nun wird in Rückblenden die Geschichte der beiden erzählt, wie sie sich damals in China abspielte. Da ist das schüchterne Schulmädchen, das neu in die Klasse kommt und als erstes von ihrem Traum spricht, später in Stanford zu studieren. Der Lehrer setzt sie neben Lin Yi, der sich sofort in sie verliebt, mit all dem, was sich für die beiden innerhalb der Schulklasse daraus ergibt. Dann die Uni in Fujian, wo die beiden ein Liebespaar werden, aber mit Spielregeln, die Xiaozhi bestimmt. Schließlich der Abschied, als Lin Yi in die USA fliegt, um dort zu studieren, und die erst vorläufige, dann scheinbar endgültige Trennung ... bis nun die bevorstehende Hochzeit seiner Geliebten in Lin Yi die panische Angst weckt, vielleicht sein wahres Lebensglück zu verpassen. Also ein Film, der sich thematisch an Werke anlehnt wie "You Are the Apple of my Eye" (den wir vor einiger Zeit im Chinaclub sahen), oder auch "So Young", den erfolgreichen Regie-Erstling von Vicky Zhao. Dass die Hauptrollen mit Lin Gengxin (z.B. "Young Detective Dee: Rise of the Sea Dragon", 2013) und Zhou Dongyu (z.B. "Under the Hawthorn Tree" von Zhang Yimou, 2010) hochklassig besetzt sind, trug fraglos dazu bei, dass der Film in China einer der größten Kassenerfolge des Jahres wurde.

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TOU FA LUAN LE 头发乱了 ("Dirt")
Independent-Film von Guan Hu, China 1994. Mit Kong Lin, Geng Le, Zhang Xiaotong, Ding Jiali. 94 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Mit einer Handkamera und kaum Geld in der Tasche drehte Guan Hu 1994 diesen Erstlingsfilm, der ihn sofort in die Spitzenliga von Chinas "6. Generation" der Filmemacher katapultierte. Im Mittelpunkt steht die junge, aus Beijing stammende Ye Tong (Kong Lin), die in Guangzhou als Krankenschwester gearbeitet hat. Jetzt kehrt sie nach Beijing zurück, um Medizin zu studieren - aber auch aus Sehnsucht nach ihren alten Freunden. Doch schnell spürt sie: Es gibt keinen Weg zurück in die Welt der Kindheit. Die Freunde sind zwar noch da, aber die Freundschaften sind zerbrochen.
Zheng Weidong ist Polizist geworden, und als solcher verfolgt er Datou, der inzwischen als Krimineller gesucht wird. Ein anderer der alten Freunde betreibt einen Gelegenheitshandel. Und der langhaarige, unangepasste Peng Wei, zu dem sich Ye Tong besonders hingezogen fühlt, leitet eine Rockband, die stets Probleme mit der Nachbarschaft hat.Die Konflikte zwischen den Lebensformen verschärfen sich, bis bei einem Streit der Lagerschuppen, in dem die Band von Peng Wei probt, in Flammen aufgeht.
Datou springt in den Tod, der Polizist Weidong wird lebensgefährlich verletzt, und Peng Wei zieht nach Shenzhen. Auch Ye Tong beschließt, wegzugehen, diesmal für immer.
Erst jetzt, 20 Jahre danach, kann man spüren, was Guan Hu mit diesem expressiv-melancholischen Erstlingsfilm gelungen ist: das Porträt einer brodelnden, berauschenden Zeit, in der für kurze Zeit alle Lebensmodelle offen schienen - bevor sich das ganze Land in einem gigantischen Kraftakt auf den Weg in Richtung Wohlstand und Reichtum machte, dessen Ergebnis in Chinas Megastädten heute zu besichtigen ist. Was Guan Hu betrifft, so dreht er inzwischen zwar vorzugsweise Komödien. Doch dass ihn seine Inspiration nicht verlassen ist, stellte er z.B. 2009 mit "Cow (斗牛)" unter Beweis, einem der besten chinesischen Filme aller Zeiten.

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Tou Guo Yun Ceng De Xia Guang 透过云层的霞光 (Sunshine Through the Clouds"), China 1980. Beziehungs-Drama von Ouyang Shangzhun 欧阳山尊, mit Bi Jianchang 毕鉴昌, und Pan Hong 潘虹. 87 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

作家郑岩在住院治疗期间与医生白妹结识,共同的情趣爱好和对外界事物的一致看法 ,使他们彼此产生了真挚的爱。他们的爱情得到黑妹的全力支持,却遭到白妹的父亲 、打捞工人海佬的坚决反对,原因是郑岩是个"动笔杆子"的人,老人家信不过!在一 个冬天的深夜,父女俩为此事吵翻。忠实于爱情的白妹毅然离开家庭,赶到郑岩身边 ,却又意外地遭到拒绝。难道白妹看错了人?不,正直的郑岩内心深处正忍受着痛苦 的煎熬,而这一切在当时又难以说明……后来,郑岩被派到一艘遇难得救的船上,正 遇到黑妹和海佬。海上的共同生活使他们产生了友谊,海佬觉得郑岩是个正直的年轻 人,当他得知郑岩的婚事因未来的岳父从中作梗而受阻时,这位耿直热心的老人拍拍 胸脯,表示要代郑岩去做那个老头子的工作……这一切使深知内情的黑妹掩口而笑。 看来,坚冰即将融化,郑岩和白妹的幸福就在眼前。但是,就在白妹赶到海上,准备 与他相会的时刻,郑岩的预感终于酿成事实--为保持一个正直的作家的人格,他被逮捕了。这对年轻人何时才能相会?只能等到霞 光透过云层的时刻...

Was erhofften sich die Chinesen nach der Kulturrevolution? Natürlich auch zuverlässige Versorgung, gute Arbeit, erträgliche Wohnverhältnisse. Doch was die Filme der frühen 80er-Jahre vor allem zum Ausdruck bringen – nach Jahrzehnten von filmischem Politkitsch und verlogener Propaganda – ist die Sehnsucht nach Freiheit, Gerechtigkeit und menschlichen Gefühlen.
Hier nun geht es um den Schriftsteller Zhen Yan und seine Beziehung zu einer jungen Ärztin, und zwar in der Spätzeit der Kulturrevolution. Sie waren sich nähergekommen, als Zhen Yan eine Zeitlang im Krankenhaus gelegen hatte. Doch dann beendete er aus zwei Gründen die Beziehung. Erstens, weil ihr Vater – ein Seemann, spezialisiert auf die Bergung von Schiffen – gegen die Beziehung war. Zweitens aus Sorge, dass seine Arbeit als Autor ihr Schwierigkeiten bereiten würde.
Nun bringen es die Umstände mit sich, dass er zu einem Arbeitseinsatz auf ein verlassenes Schiff kommt. Auf dem arbeiten außer ihm nur der Vater seiner früheren Freundin (der aber nicht weiß, wer da aufs Schiff kommt) und dessen zweite Tochter. Die gemeinsame Arbeit bringt die beiden Männer näher. Sie enthüllt dabei auch die tragische Liebesgeschichte der jüngeren Tochter. Doch die Kulturrevolution ist noch nicht zu Ende ... es ist die Zeit, in der die Krankheit von Zhou Enlai landesweit bekannt wird ... so endet der Film mit der Hoffnung auf die Sonne, die hoffentlich bald durch die Wolken bricht.

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TOU MING ZHUANG 投名状 ("Die Taiping-Rebellion")
Historien-Drama von Peter Chan, China 2007. Mit Andy Lau, Xu Jinglei, Jet Li. 125 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

150 Jahre ist es her, dass Nanjing (von 1853 bis 1864 Hauptstadt des "himmlischen Taiping-Reiches") von Qing-Truppen zurückerobert wurde. Damit war die größte innere Bedrohung überstanden, mit der sich die Qing-Dynastie bis dahin konfrontiert gesehen hatte. Der Blutzoll - ca. 20 Millionen Tote - war entsetzlich.
Wie man im Lande selbst mit dieser Rebellion umgeht, gehört zu Chinas großen Rätseln im Umgang mit seiner Geschichte. Dem Anschein nach steht der Taiping-Aufstand in hohem Ansehen, da er sowohl gegen die Qing gerichtet als auch "anti-imperialistisch" war. Also sollte man denken, dass es auch über den Revolutionär Hong Xiuquan in China zahlreiche Spielfilme gäbe. Genau das aber ist nicht der Fall. Ebenso wie zu anderen zentralen Figuren der neueren chinesischen Geschichte (etwa Lu Xun oder Mao Zedong) gibt es auch über Hong Xiuquan bis heute keinen einzigen historisch und psychologisch halbwegs glaubwürdigen Spielfilm. Bei Lu Xun scheut man offenbar die gnadenlose Verachtung seiner Landsleute. Die Mao-Filme sind opportunistische Lobhudeleien, die nichts von seiner phänomenalen Mischung aus Bauernschläue, Machtinstinkt, Dichtertum, Promiskuität und Menschenverachtung zu zeigen wagen. Und bei Hong Xiuquan fürchtet man vermutlich seine halb christlichen, halb basisdemokratischen Ideen, die er als glühender Redner zu verbreiten wusste.
Auch Peter Chan unternimmt in seinem Historienspektakel keinen Versuch, sich dieser charismatischen Figur anzunähern. Stattdessen wählt er genau die andere Perspektive: nämlich die Kämpfe aus Sicht der innerchinesischen Taiping-Gegner, also teils Räuberbanden, teils Generäle der Qing-Armee. Politische und philosophische Fragen spielen kaum eine Rolle, und eine um so größere Rolle die Rivalität um die Gunst einer schönen Frau (gespielt von Xu Jinglei). So reiht sich auch dieser Film ein in die Reihe der monumentalen Historienspektakel, bei denen alle Aufmerksamkeit der Technik, der Love Story und den grandiosen Schlachtenszenen gilt, und sehr wenig der historischen Realität.

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TUI NA  推拿 ("Blind Massage")
Von Lou Ye, China 2014. Mit Guo Xiaodong, Qin Hao, Zhang Lei, Mei Ting. 117 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Dass jeder Film Einblick in eine andere Welt gewährt, ist ein Gemeinplatz. Für diesen Film aber gilt das auf besondere Weise: Lou Ye (neben Jia Zhangke wohl der wichtigste chinesische Autorenfilmer) versucht hier einen Einblick in die Welt der Blinden. Basierend auf einem Roman von Bi Feiyu, spielt die Story in einer Massage-Klinik in Nanjing, in der außer der Köchin und der Frau am Empfang nur Blinde oder schwer Sehbehinderte arbeiten. Und da sie hier auch leben, ist diese Klinik ein Mikrokosmos eigener Art, in dem wie überall inmitten von Alltag, Arbeit und Bedürfnissen die Gefühle, Sehnsüchte und Leidenschaften der Protagonisten den Fortgang der Handlung bestimmen.
Was diesen Film von anderen mit ähnlicher Thematik unterscheidet, ist der Versuch, nicht einzelne Blinde inmitten der Sehenden zu zeigen, sondern die Blindheit als Normalität darzustellen. Das geschieht vor allem optisch, mit oftmals verschwommenen, verzerrten, schattenhaften Einstellungen (für die der Kameramann Zheng Jian auf der Berlinale 2014 den Silbernen Bären erhielt). Obwohl der Film in China spielt, fließen chinesische Besonderheiten nur am Rande in die Handlung ein. So wird beispielsweise die brutale Missachtung der Alten, Schwachen und Behinderten, die China mit der rücksichtslosen Ausrichtung des Straßenverkehrs auf die Belange der Autofahrer an den Tag legt, mit keinem Satz angesprochen.
Und auch sonst wird hier wenig gesprochen. Viele Kritiker betonen den Respekt, den dieser Film den Blinden entgegenbringt. Das stimmt insofern, als es unter all den blinden Masseuren dieser Klinik keinen wirklich abstoßenden Charakter gibt. Ansonsten jedoch kommt es mir so vor, als glaubte der Regisseur, Blindheit im Film auch durch weitgehende Stummheit darstellen zu müssen. Obwohl zwischen und nach der Arbeit die ganze Zeit zusammen, sprechen die Blinden weder über ihre Kunden noch über Fragen von Massage- und Diagnosetechniken, auch nicht über ihre Zukunftspläne und ihre Probleme – schon gar nicht, trotz reichlich vorhandener Sexszenen, über Sexuelles. Ebenso ignoriert Lou Ye, dass bei Blinden die verbliebenen Sinne wie Geruch, Gehör, akustische Orientierung, taktiles Gespür und Wärmegefühl in der Regel erheblich verfeinert sind, einschließlich der damit verbundenen Emotionen, etwa dass sich jemand (was auch Sehenden passieren kann) in eine Stimme verliebt oder jemanden "nicht riechen kann". Statt dessen eine kriminelle Nebengeschichte, wo ausgerechnet der blinde Xiao Ma in der Wohnung seiner Eltern von Gangstern für die Schulden seines Bruders haftbar gemacht wird. - Trotz dieser Schwächen ein bemerkenswerter, sehenswerter Film, an den man sich jedenfalls länger erinnern wird als an "Black Coal, Thin Ice", der 2014 den Goldenen Bären erhielt.

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TUO GUI SHI DAI 脱轨时代 ("The Old Cinderella")
Romanze von Wu Bai, China 2014. Mit Zhang Jingchu, Pan Yueming, Kenji Wu. 101 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Die 1980 geborene Zhang Jingchu hat sich in den letzten Jahren zu einer der interessantesten und vielseitigsten chinesischen Schauspielerinnen entwickelt. Die Romanze "The Old Cinderella"  beruht ganz auf ihrer differenzierten Darstellung, die den Film trotz dramaturgischer Schwächen sehenswert macht. ("Cinderella" ist im übrigen ein völlig absurd gewählter internationaler Titel; der chinesische Originaltitel bedeutet sinngemäß "Zeit der Entgleisungen").
Xu Ke (Zhang Jingchu) ist eine Frau über 30, mit einem 5-jährigen Sohn. Ihr Job ist einer von denen, die sich erst in den letzten Jahren in China herausgebildet haben: sie ist Reiseleiterin für chinesische Touristengruppen im Ausland. Der Film beginnt mit der Scheidung, eingereicht von Xu Ke, nachdem sie ihren Mann im Bett mit einer anderen Frau ertappt hat. Der Ehemann bereut das und versucht, sie zurückzugewinnen, aber sie bleibt hart. Diverse Blind Dates, zu denen eine Freundin sie überredet, bringen nichts. Aber dann trifft sie unvermittelt einen Mann, der jungen Chinesinnen offenbar als Traummann erscheinen soll: Kang Shao (gespielt von Kenji Wu) ist ein aus Taiwan stammender Millionär, der unendlich reich und von vielen Frauen umschwärmt ist, sich aber in die herbe, ernsthafte Xu Ke verliebt. So steht sie auf einmal zwischen zwei Männern, die sich beide um sie bemühen.
Aber es spricht für den Film, dass sie sich weder für den sympathischen Millionär noch für die Rückkehr zum Ehemann entscheidet. Vielmehr beharrt sie darauf, ihren eigenen Weg zu gehen. Von der Story her ist das problematisch, denn es lässt sie als Rabenmutter erscheinen, die ihren Sohn im Stich lässt. Doch zeigt der Film, wie China sich auch im Blick auf Mann und Frau zunehmend der westlichen Betrachtungsweise annähert: dass nämlich der Familienalltag (Kind eingeschlossen) immer öfter nicht als erstrebenswertes Glück gesehen wird, sondern als unvermeidliche Quelle von Konflikten und unbefriedigenden Kompromissen. Ergebnis ist, dass Frauen auch in chinesischen Filmen zunehmend nach neuen Rollen suchen, außerhalb des misstönenden Dreiklangs von Hausfrau, Mutter und Job, wie er so lange (um mit Angelababy Merkel zu sprechen) alternativlos zu sein schien.
Ursprünglich wollte Zhang Jingchu in diesem Film nicht nur die Hauptrolle spielen, sondern auch Regie führen. Das musste sie aufgeben, weil ihr Terminkalender zu voll war, als dass sie die Postproduktion hätte machen können. Ihr Ziel ist aber nach wie vor, demnächst auch Regie zu führen. Kann also sein, dass sich hier neben Jiang Wen und Xu Jinglei vielleicht schon bald eine weitere Doppelbegabung als Schauspieler-Regisseur zu Wort melden wird.

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20, 30, 40 ("Twenty, Thirty, Forty")
Melancholische Komödie von Sylvia Chang, Taiwan 2004. Mit Angelica Lee, René Liu, Sylvia Chang, Anthony Wong, Tony Leung Ka-Fei. 112 min, Chinesisch mit englischen UT. Altersempfehlung: ab 14 Jahre

In mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Film, und zwar bereits als Projekt: Drei Schauspielerinnen (Angelica Lee, René Liu und Sylvia Chang selber) lieferten jeweils eine Geschichte als Vorlage, die dann in einem Drehbuch vereint wurden. Die drei übernahmen auch die Hauptrollen in ihren Stories. Angelica Lee spielt die 20-jährige Xiao Jie, die aus Malaysia nach Taipei kommt und Popsängerin werden möchte. Sie soll für den Songwriter Bruder Shi zusammen mit einer Partnerin ein Pop-Duo bilden, und beginnt mit dieser eine zunehmend erotisch gefärbte Beziehung. René Liu spielt Xiang, eine 30-jährige Stewardess, die zwar viele Männer kennt, aber keinen, mit dem sie auf Dauer zusammenbleiben könnte. Sylvia Chang spielt Lily, die 40-jährige Inhaberin eines Blumengeschäftes. Eines Tages bringt sie eine Blumenlieferung in die Wohnung einer jungen Frau – ausgerechnet jene Frau, die offenbar die heimliche Geliebte von Lilys Mann ist und mit diesem ein Kind hat. Sie lässt sich scheiden und muss nun ein neues Leben mit neuen persönlichen Beziehungen aufbauen. Alle drei Geschichten sind lose ineinander verwoben. Die Frauen sehen sich auch gelegentlich, ohne jedoch voneinander zu wissen. Einen zeitlichen Fixpunkt für alle drei Geschichten setzt dabei ein Erdbeben, das Taipei erschüttert.
Ein schöner Film, der sich mit seiner Nachdenklichkeit, Menschlichkeit und Melancholie im Grunde allen Genrebezeichnungen entzieht, und bei dem auch die Nebenrollen (vor allen mit Anthony Wong und Tony Leung Ka-Fei) hochklassig besetzt sind.

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